CORDELIA CHATON

In Downing Street Nr. 10 ist die Hölle los, wieder einmal. Diesmal ist ein kleiner gelber Vogel schuld, die Goldammer, hierzulande bekannt als „Gielemännchen“ oder „Giel Mësch“. Was ausgerechnet eine Londoner Regierungsstelle reitet, das Papier über die möglichen Folgen des Brexit am 31. Oktober diesen Jahres nach einem in ganz Europa beheimateten Vogel zu nennen, wird ihr Geheimnis bleiben. Doch das Papier mit dem Titel „Operation Yellowhammer“ sorgt für Schlagzeilen, seit übers Wochenende bekannt wurde, was droht: Mangel an frischem Obst und Gemüse sowie Fleisch und Fisch, Treibstoff und Medikamenten. Möglicherweise auch mehr Unruhen, Verspätungen an Flughäfen und eine harte Grenze mit Irland. Das alles ist ziemlich realistisch und deshalb befeuert es umso mehr die Sorgen. Denn damit ist klar, dass die Brexiteers das als Realität anerkennen, wovor die Remainers seit Jahren warnen. Die Kabinett-Tories nehmen es billigend in Kauf, denn die meisten sind nicht persönlich betroffen, haben sie doch ihre Schäfchen im Trockenen.

Da nützt es auch nichts, dass Boris Johnson, Hanswurst der Nation, nun einen Ex-Minister beschuldigt. Entscheidend ist nicht, wer das Papier in Umlauf gebracht hat, sondern wie glaubwürdig das ist, was drin steht. Denn bis jetzt haben Bojo und Konsorten ja immer so getan, als sei es allein die Schuld der EU, dass Großbritannien kein Paradies auf Erden sei. Und jetzt zeichnen ausgerechnet jene Leute, die den Brexit hochjubeln, ein Bild, das sehr an die Zeiten des Zweiten Weltkriegs erinnert. Wird es Lebensmittelmarken geben? Gutscheinheftchen für Medikamente? Benzinrationen? Unwahrscheinlich ist das nicht. Die letzten Rationierungen aus dem Zweiten Weltkrieg wurden in Großbritannien erst 1954 aufgehoben. Der Brexit verspricht also Langzeitwirkungen. Was aber haben die Brexit-Befürworter bislang erreicht? Die britischen Pässe werden wieder blau, Milliarden sind für den Brexit geflossen, der schon drei Minister verschlissen hat und wegen dessen Härten die Parlamentarier sich mit zwei Gehaltserhöhungen belohnen mussten. Diese Bilanz haut keine Goldammer um. Die EU hat in dieser Zeit die Roaming-Kosten beendet, das Gratis-Interrail-Ticket für 18-Jährige eingeführt, Geld in die medizinische Forschung gesteckt, Gesetze für Lebensmittelsicherheit erlassen und Handels-Abkommen mit Japan, Vietnam, Singapur, Mexiko, Australien und Neuseeland zu einem Abschluss gebracht.

A propos Wirtschaft: Die „Financial Times“ berichtet, dass viele britische Unternehmen überhaupt nicht auf den Brexit vorbereitet sind. Das dürfte dessen Folgen noch erschweren. Und was der Premier nicht sagt: Auch nach einem No Deal geht es weiter mit den gleichen Problemen, denn die EU wird nicht nachgeben. Streitpunkte wie die irische Grenze oder Arbeitnehmerfreizügigkeit bleiben. Das Polit-Chaos schlägt sich am Markt nieder, wo sich das britische Pfund auf dem tiefsten Stand seit zehn Jahren befindet. Da scheint Johnsons einstiges Wahlversprechen, Tory-Wähler hätten mehr Chancen auf einen BMW M3 wie Hohn zu klingen. Dem Mann, den sein dummes Geschwätz von gestern noch nie gestört hat, traut man nicht mal zu, dass er den Verstand einer Goldammer hat. Denn der geht es ums Überleben.