NIC. DICKEN

Wenn man sich auf dem eigenen Mist suhlen kann, fühlt man sich besonders stark. So mag es manchem europäischen Ministerpräsidenten zur Zeit Spaß machen, gegen Putin und dessen Hegemonieansprüche Stimmung zu machen, ohne sich allerdings um die eigenen diesbezüglichen Verfehlungen zu sorgen, die in der gleichen Region begangen wurden. Wenn die Nato ihre „Verteidigungsmission“ über den Balkan, den Kaukasus, den Hindukusch und die endlose sibirische Tundra hinweg bis an die pazifische Küste ausdehnen will, so mag dies ein Anspruch sein, dessen Legitimierung jedoch bis dato nicht bewiesen wurde.

Ohne rot im Gesicht zu werden, zeigen die transatlantischen Bündnispartner mit dem Finger auf Menschenrechtsverletzungen von Minsk über Moskau und Teheran bis nach Peking, vergessen dabei allerdings gar zu gerne, dass auch 150 Jahre nach Abraham Lincoln die Rassenfrage in den USA ein Thema bleibt, wie die Vorfälle in Ferguson/Missouri erst vor Monatsfrist bewiesen haben. Und man braucht nicht lange zu suchen, um auch in einer ach so rechtsbewussten europäischen Union massenhaft Verstöße gegen die natürlich auch den ethnischen Minderheiten zustehenden Menschenrechte zu entdecken. Ganze 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs scheint man ohne Feindbild nicht auszukommen, spricht anderen Völkern und Regierungen das Recht auf Interessensphären und geographische Vormachtansprüche ab, die man für sich selbst mit der größten Selbstverständlichkeit in Anspruch nimmt. Das hat früher einfacher funktioniert, als die Ureinwohner von Nordamerika in Reservate eingezwängt und die zahllosen Ethnien von Afrika über den Nahen und Mittleren bis zum fernen Osten den Hegemonieansprüchen europäischer Kolonialmächte unterstellt werden konnten. Die letzten beiden Großherrscher oder „Gröfaz“-en, oder wie auch immer man sie nennen mag, die versucht haben, das größte Land der Erde, das sich über insgesamt 13 Zeitzonen erstreckt, in ihre Gewalt zu bringen, waren der genau so kleinwüchsige wie megalomane Korse Napoléon und der zivilisatorisch weitaus weniger als maltechnisch behaftete Adi H., dem die Berge am Inn den Sinn für einen erweiterten Horizont versperrt haben mögen. Dass es wegen der Ukraine zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen den Großmächten kommen könnte, ist nicht sehr wahrscheinlich. Man darf, zum Wohl der betroffenen Bevölkerungen, im Gegenteil hoffen, dass nach dem Säbelgerassel der letzten Monate und im Anschluss an einen zur Schmierenkomödie auf einem, zum Schlachtplatz mit dazugehörigen Requisiten umfunktionierten, britischen Golfgelände veranstalteten Nato-Gipfel endlich auch wieder die Vernunft zum Tragen kommt.

Dann würde man, auf beiden Seiten, vielleicht auch einsehen, dass der ukrainischen Bevölkerung und internationalen Interessen mehr geholfen wäre mit konkreten und langfristigen wirtschaftlichen Perspektiven als mit der blinden Unterstützung eines Schokoladenmilliardärs, dessen Vermögensverhältnisse bislang kaum hinterfragt wurden.