CORDELIA CHATON

Ein kleines Rechenbeispiel: Wenn nur zehn Prozent aller Fälle gemeldet werden und es 739 im Jahr 2018 gab, wie viel wären es dann tatsächlich? Einfach auszurechnen: 7.390. Aber schwer zu ertragen. Denn die Zahl beschreibt die Einsätze, die 2018 im Rahmen von häuslicher Gewalt gefahren wurden. Es waren im Schnitt zwei am Tag. Wenn alle Fälle gemeldet würden, wären es rund 20 am Tag. Das ist ungeheuer, vor allem für ein Land, das sich zu recht als gesittet, wohlhabend und gebildet definiert. 86 Prozent der Opfer sind Frauen. Warum diese massive Gewalt gegen sie? Und: was kann man dagegen tun?

Luxemburg hat das Glück, dass Großherzogin Maria Teresa höchstpersönlich im Kampf für Frauen engagiert ist; sowohl bei der nun zu einem Verein transferierten Initiative „Stand Speak Rise up!“ als auch als Schirmherrin des „marche de la solidarité“, an dem sie sogar selbst teilnahm. Frauenverbände in Luxemburg haben Opfern hier ein Podium für ihre Erlebnisse gegeben. Denn gern wird immer noch so getan, als sei Gewalt nur Teil anderer Kulturen und habe mit Luxemburg nicht viel zu tun. Dabei sind die Opfer hier - und keineswegs nur in so genannten bildungsfernen Familien. Wer in der letzten Zeit Berichte darüber las oder hörte, wie es diesen Frauen ergeht, wenn sie eine Anzeige aufgeben wollen oder vor Gericht gehört werden, kann nur den Kopf schütteln.

Frauenhäuser sind wichtig, Täterverfolgung ist wichtig, doch der Kern der Sache fängt viel früher an. Gewalt hat viele Formen und die Grundlage dafür liegt schon in einem Mangel an Respekt. Ein junger Franzose hat sich neulich für einen TV-Sender als Frau umschminken lassen und ist in Alltagskleidung durch Paris gegangen. Am Ende eines Tages voller rüder Bemerkungen, Anzüglichkeiten und Handgreiflichkeiten hat er sich geschämt - für sein eigenes Geschlecht.

Gerade die sozialen Medien und die Digitalisierung fördern die Verbreitung eines Frauenbildes, dass oft weit von jeder Realität entfernt ist. Frauen als Trophäen, als Objekt, als eine Sache, die begutachtet wird. Wenn Hassredner im Netz Jagd machen, dann am liebsten auf junge Frauen. Die kann man so schön treffen. Ein gutes Beispiel dafür ist die „ligue du LOL“, eine Gruppe junger Journalisten, unter anderem der Zeitung „Libération“, die Frauen 2018 nicht nur im Netz verfolgten, bedrohten und belästigten.

Ohnehin ist die Digitalisierung weiß und männlich und Künstliche Intelligenz wird darauf geeicht. Das wurde klar, als die „New York Times“ die Gesichtserkennung auseinander nahm: Fehlerquelle bei weißen Männern: ein Prozent. Fehlerquelle bei schwarzen Frauen: 35 Prozent. Die Macher des Programms hatten als Vergleichswert vor allem Bilder weißer Männer genutzt.

Dazu kommen noch kulturelle und religiöse Vorstellungen, die die Gleichheit von Männern und Frauen unterhöhlen wie die Sexualisierung von Haar oder die Vollverschleierung. Ein Beispiel: Eine Moschee in Hurghada wirbt in vielen Sprachen für die vollkommene Verschleierung. Sie würde die Schönen vor den Blicken der Männer schützen - und die Hässlichen vor ihren Späßen. Das Urteil fällen natürlich nur Männer, die die Regeln kontrollieren. Wenn Gleichheit vor dem Gesetz nichts gilt, dann ist der Weg zum Respekt im Alltag weit und zur Gewalt kurz. Da hilft Zivilcourage, öffentliche Unterstützung und die Schaffung von Bewusstsein.