COLETTE MART

Der Marsch gegen die Gewalt an Frauen und Mädchen, der am Samstag im Rahmen der von der UNO ausgerufenen „Orange Week“ in der Stadt Luxemburg organisiert wurde, hatte mehrere hundert Männer und Frauen mobilisiert, um auf ein gravierendes Problem in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen.

Die Weltgesundheitsorganisation der UNO erkennt Gewalt an Frauen als eines der größten Gesundheitsrisiken weltweit an; mindestens eine von drei Frauen wird in ihrem Leben mit Gewalt oder Vergewaltigung konfrontiert. Schläge und Verletzungen kommen meist aus dem unmittelbaren häuslichen Umfeld. Zwischen 40 und 70 Prozent aller ermordeten Frauen sind in zahlreichen Ländern ihrem Ehepartner oder einem früheren Partner zum Opfer gefallen. Weltweit wird eine von fünf Frauen Opfer von Vergewaltigung; in Indien zum Beispiel wird alle 21 Minuten eine Frau vergewaltigt.

Dies sind einige Zahlen, die immer nur die Spitze des Eisbergs offenbaren. Bleiben wir bei der internationalen Aktualität, wäre hervorzuheben, dass jedes Jahr zum Beispiel zehntausende kleiner nepalesischer Mädchen in Bordelle nach Indien verschleppt werden. Im Kongo wird Vergewaltigung und Verstümmelung der Geschlechtsorgane der Frauen als Kriegswaffe eingesetzt, und dieses Wochenende wurden im Niger wieder junge Mädchen von der Terrororganisation Boko Haram entführt. Flüchtlingsfrauen werden auf ihrem oft dramatischen Fluchtweg sexuell erpresst und vergewaltigt, sodass viele von ihnen schwanger in Europa ankommen, und es immer wieder zu Geburten auf den Flüchtlingsschiffen kommt. Mitgiftmorde, Ehrenmorde, Zwangsehen Minderjähriger, Sklaverei und Zwangsprostitution, ja sogar Gewalterlebnisse bei der Geburt sind jene sozialen Phänomene, mit denen wir uns in Europa auseinandersetzen müssen. Säureattentate und Genitalverstümmelung sind weitere Gewaltverbrechen, die wir trotz einer weltweiten Mediatisierung noch keineswegs im Griff haben, die allerdings dank der sozialen Medien immer mehr Öffentlichkeit erlangen, dafür aber keineswegs verschwinden.

Vielmehr hat man das Gefühl, dass die menschliche Misere, die durch Krieg und Flucht geschürt wird, auch immer zu Übergriffen auf die Sexualität der Frauen führt, und dass Frauen und Mädchen demgemäß oft zusätzliches Leid zugefügt wird.

Bleiben wir aber beim Alltag in unserem immerhin wohlhabenden Land. Auch in Luxemburg ist Gewalt gegen Frauen ein Thema, das uns alle angeht und in unserer nächsten Umgebung und Nachbarschaft stattfindet. Körperliche Gewalt in der Ehe, aber auch psychische Gewalt, Erniedrigung, Diskriminierung, üble Nachrede und Ausgrenzung betreffen viele Frauen in ihrem beruflichen und familiären Alltag. In einer Gesellschaft, in der zwar sehr viel von Respekt gesprochen wird, dieser aber eigentlich immer weniger umgesetzt wird, wäre hier und jetzt ein Augenmerk auf soziale Phänomene wie Manipulation, Gewalt durch Sprache, menschenverachtende Verhaltensweisen und Kommunikation, respektive auch Intrigen zu richten. Sehr viele Menschen, Männer und Frauen, sind mit diesen Formen der Gewalt täglich konfrontiert. Demgemäß sind nicht nur Schläger, sondern auch Manipulatoren und allgemein Machtmenschen scharf im Auge zu behalten.