COLETTE MART

Als „organisierten Massenansturm“ bezeichnete das „Luxemburger Wort“ am Samstag die Überwindung des Zauns in der spanischen Exklave Ceuta durch einige Hundert Migranten aus Afrika. Das verdient eine nähere Analyse in einer Zeit, in der von einer strammeren Handhabung des Asylrechts die Rede ist. In der Tat scheinen führende politische Instanzen in Europa Kompromisse mit dem Populismus in der Flüchtlingsfrage anzustreben. Aus diesem Grund ist es wichtig, zu verstehen, warum Menschen gerade aus Westafrika so massiv nach Europa fliehen.

Einige Beispiele hierfür liefert Burkina Faso, Zielland der Luxemburger Entwicklungshilfe, wo sich einerseits also unser Land, und auch die Stadt Luxemburg um das Wohl der Bevölkerung bemühen. Andererseits wird jedoch seitens europäischer oder auch internationaler Firmen und Konzerne der Fortschritt für die lokale Bevölkerung völlig untergraben. So gibt es zum Beispiel in Burkina Faso Goldminen, die vorwiegend von Schweizer Firmen betrieben werden, und die zum Beispiel dem Staat Burkina Faso im Jahr 2013 etwa 316 Millionen Schweizer Franken einbrachten, was immerhin 20 Prozent des Bruttoinlandproduktes war. Allerdings führt eine investorenfreundliche Politik in Burkina Faso dazu, dass die Gewinne der Firmen günstig versteuert und also mehrheitlich bei den Firmen selbst bleiben, und der lokalen Bevölkerung also nicht zu gute kommen. In Burkina Faso wurden durch die Goldminen nur etwa 7.000 lokale Arbeitsplätze geschaffen, und dies im Rahmen einer Bevölkerung von etwa 17 Millionen. Darüber hinaus hat die Extraktion des Goldes in den Minen unter freiem Himmel verheerende Auswirkungen auf die Umwelt und die Überlebensmöglichkeiten der lokalen Bevölkerung, die zu 80 Prozent von der Landwirtschaft lebt.

Ganze Dörfer mussten wegen der Goldminen umgesiedelt werden, Zehntausende verloren ihren natürlichen Kontext und ihre Überlebensmöglichkeiten in einer Wüstengegend, in der das Wasser begrenzt ist und es in ländlichen Gebieten auch kaum Arbeitsplätze gibt.

Auch wenn der Staat in Burkina Faso sich heute darum bemüht, diesen gravierenden Entwicklungen entgegen zu wirken, zeigt das Beispiel der Goldminen, wie Zehntausende Menschen ihrer Existenz beraubt werden durch eine Industrialisierung, die nicht sozial nachhaltig ist und die Belange der lokalen Bevölkerungen ungenügend berücksichtigt. Es sind genau diese Familien, die irgendwann ihr Geld zusammenkratzen, um einen jungen Mann nach Europa zu schicken in der Hoffnung, dass er der Familie helfen kann. Und es sind dann genau diese jungen Männer, die einen Zaun in Ceuta gestürmt haben, auf der Suche nach einem Platz für sich selbst und ihre Familien in dieser Welt. Eine gut durchdachte Kombination von Entwicklungshilfe und wirtschaftlicher Beratung für die Entwicklungsländer, zwecks Förderung einer nachhaltigen und humanen Industrialisierung im Interesse der Völker Afrikas bleibt demgemäß die Herausforderung schlechthin im Nord-Süd-Dialog über die nächsten Jahre. Und dies auch im Kontext der Lösung der Flüchtlingsfrage und des Massenexodus aus Westafrika.