LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Von der Grundschule in den Sekundarunterricht: Orientierungsprozedur wird reformiert

Mehr Transparenz, weniger Aufwand und geteilte Verantwortung: Im Resümee sind dies die Ziele, die das Bildungsministerium mit der Reform des Übergangs von der Grundschule in den Sekundarunterricht beziehungsweise der aktuellen Orientierungsprozedur verfolgt. Diese soll in einigen Punkten angepasst und stärker auf die heutigen Bedürfnisse ausgerichtet werden. „Wir müssen die Schüler dorthin orientieren, wo sie auch wirklich hinpassen. Dabei sollte es vor allem darum gehen, ihre Stärken zu beachten, statt sich nur auf ihre Schwächen zu stützen. Eine falsche Orientierung ist häufig die Ursache für einen frühzeitigen Schulabbruch“, bemerkte Bildungsminister Claude Meisch gestern.

Die Tendenzen, wo der Weg nach der sechsten Klasse (Zyklus 4.2.) hinführt, haben sich in den letzten Jahren stabilisiert. Im Schuljahr 2014/2015 wurden 35,3 Prozent der Grundschüler in den klassischen Sekundarunterricht (ES) orientiert, 47 Prozent in den technischen Sekundarunterricht (ST) und 16,7 Prozent ins „Modulaire“ (MO). Nicht immer (14 Prozent) waren die Eltern allerdings mit der Entscheidung einverstanden. In solchen Fällen bestand bislang die Möglichkeit eines zusätzlichen Tests in den drei Hauptfächern, die von 260 Schülern wahrgenommen wurde.

Die Orientierungsentscheidung soll nun transparenter gestaltet werden. „Zum einen wollen wir uns mehr auf die Schüler konzentrieren, zum anderen aber auch früher mit der Orientierungsprozedur ansetzen und die Eltern gezielter einbinden, damit sie informiert und letztendlich auf den Weg vorbereitet sind, der ihrem Kind bevorsteht, sodass sie gegebenenfalls reagieren und entsprechend Verantwortung übernehmen können“, führte der Minister weiter aus.

Eltern früher und gezielter einbinden

Künftig soll die Orientierungsprozedur deshalb bereits im Zyklus 4.1. beginnen und am Ende des Schuljahres bereits eine erste Prognose stehen. Daneben sollen mehr Möglichkeiten für eine individuelle Unterstützung im letzten Grundschuljahr geschaffen werden. Die Eltern sollen zu einem wichtigen Partner in der Entscheidungsfindung werden. „Geteilte Verantwortung“, laute das Ziel, sagte Meisch. Lehrer und Eltern sollen sich auf Augenhöhe begegnen, damit am Ende eine verlässliche, gemeinsame Entscheidung stehe. „Bei der momentanen Prozedur herrscht oft bis zum Schluss Ungewissheit, die natürlich mit einem großen Druck verbunden war“, so Meisch.

Was den Übergang von der Grundschule in den „Secondaire“ anbelangt, so gelte es die Gräben zu schließen. „Es gibt noch immer Fächer, die nicht aufeinander abgestimmt sind. Zudem gibt es eine Kluft im Rhythmus“, stellte der Minister fest. Dies bedeute aber nicht, dass die Anforderungen an den Schüler - etwa in den Sprachen - heruntergesetzt werden, sondern dass das Schulangebot weiter diversifiziert werden müsse. „Wir brauchen zusätzliche Modelle, um den spezifischen Kompetenzen der Schüler und teils auch ihren Biografien stärker Rechnung zu tragen. Wir brauchen unterschiedliche Schulen für unterschiedliche Kinder“, wiederholte Meisch.

Lehrersyndikat SNE stellt sich quer

Im Januar 2016 soll der Gesetzestext auf den Instanzenweg gebracht werden und die neue Orientierungsprozedur im Herbst 2016 anlaufen. Eine Reaktion seitens des Lehrersyndikats SNE-CGFP ließ indes gestern nicht lange auf sich warten. Die aktuelle Orientierungsprozedur verlaufe „zur Zufriedenheit der meisten Grundschullehrer“. Dass die pädagogischen Teams und die Eltern im Konsens eine gemeinsame Entscheidung treffen sollen, hält das SNE für schwierig und weist darauf hin, dass künftig „die Hauptlast der Entscheidung bei dem Lehrerteam im Allgemeinen und bei dem Klassenlehrer im Besonderen liegt“. Die Gefahr bestehe, dass letzterer zum Sündenbock werde, falls es zu keiner Einigung zwischen den Eltern und den Lehrern komme und das Kind anschließend an die Orientierungskommission weitergereicht werde. Zudem würden die Lehrer die Unterstützung und die Sachkenntnis der Fachleute des „Conseil d’orientation“ verlieren, um die bestmögliche Orientierungsentscheidung für alle Schüler zu treffen, moniert das SNE. Die Regierung wird unmissverständlich dazu aufgefordert, die Reformpläne ad acta zu legen „und die aktuell gut funktionierende Prozedur im Sinne aller Grundschulkinder beizubehalten“.