LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Pappkiste als Aufnahmestudio: Daniel Balthasar präsentiert sein Quarantäne-Album

Ungewöhnliche Zeiten erfordern offensichtlich ungewöhnliche Maßnahmen. Daniel Balthasar hat sich während der Corona-Pandemie kurzerhand in eine Kiste aus Pappe zurückgezogen. Das Ergebnis ist ein Album mit dem Titel „The long lost art of getting lost“: zehn kurze Songs, geschrieben und aufgenommen in zehn Tagen in eben dieser Box. Wie kommt man denn auf eine solche Idee? Wir haben nachgefragt.

Auch seine Pläne sind durcheinander gewirbelt worden. Konzerte wurden abgesagt, Aufnahmen mussten verschoben werden, und die Fertigstellung des neuen Studioalbums verzögert sich ebenfalls. Nicht alles ist im Homeoffice möglich, auch wenn dies in Daniel Balthasars Fall ein eigenes Studio im Keller ist. Gelangweilt hat er sich bisher nicht. „Ich habe Frau und Kinder, meine erste Sorge galt ihnen. Noch dazu hatte ich in den letzten zwei Jahren drei Lungenentzündungen, natürlich macht man sich da seine Gedanken. Doch nach einer Woche Ausgangsbeschränkung habe ich meine Routine gefunden, erkannt, dass man an Lebensmittel kommt und die Welt nicht untergeht. Das war der Moment, in dem ich dachte, ich müsste mich in dieser speziellen Situation kreativ ausüben. Und dann war da diese große Kiste, die ich eigentlich längst entsorgen wollte“, erzählt er.

Eines Tages habe er das Ungetüm dann rüber in sein Studio geschoben. „Die Kiste ist wirklich groß, ein Erwachsener passt ohne Probleme rein, also nicht ganz ohne Probleme, ich musste eine Leiter nehmen“, lacht Balthasar. Trotz der erforderlichen akrobatischen Einlage war es keine Alternative, ein Loch in die Kartonwand zu schneiden, um müheloser hineinzugelangen. „Ich wollte wirklich in dem Mikrokosmos dieser Kiste sitzen und habe es mir dann auch ein bisschen schön gemacht. Ein Teppich, eine Decke, ein Klavierhocker, auf den ich meinen Computer platzierte, der Mikrofonständer kam von oben, und fertig war mein Aufnahmestudio“, beschreibt er.

Zehn Songs in zehn Tagen

„Nachdem ich das erste Lied an einem Tag fertig hatte, habe ich einfach weitergemacht, und dann hatte ich nach zehn Tagen tatsächlich zehn Songs im Kasten. Die Bedingung war, immer am Abend fertig zu sein, das Lied also an einem Tag zu komponieren und aufzunehmen. Die Zeit habe ich täglich auf zwei, drei Stunden begrenzt, und das auch nicht am Stück. Irgendwann hat man sich da in so eine Trance gearbeitet, sodass das quasi von alleine geht. So ist das eigentlich immer. Während des Schreibprozesses verändere ich mich, ich bin dann schwer ansprechbar, fast ein bisschen apathisch. Ich verliere mich in meinen Gedanken“, erklärt Balthasar. Besser hätte der Albumtitel „The long lost art of getting lost“ also nicht passen können.

„Die Lieder wollte ich bewusst kurz halten. Es sollte etwas Spontanes sein und nicht 20 Mal durchdacht. Ich schreibe meine Stücke zwar immer relativ schnell, lasse sie dann aber eine Weile liegen, um später noch einmal daran zu arbeiten. Das wollte ich diesmal nicht, es sollte spontan, roh und natürlich klingen. Quasi alles habe ich im ersten Take eingesungen und dann auch nicht zwischen den Sätzen geschnitten, deshalb hört man mich manchmal schlucken oder auch mal ein Knarzen im Hintergrund“, berichtet er.

Quarantäne-Tagebuch

Das Ergebnis beschreibt er letztlich als eine Art Tagebuch der ersten Zeit im Lockdown. „Thematisch sieht man, wie sich die Stimmung dreht. Das erste Lied reflektiert die Sorge, das zweite Verdrängung und bereits beim dritten folgt die Erkenntnis, dass ich jetzt lange genug drinnen saß und mal an die frische Luft sollte. Und so geht es weiter. Beim fünften Song folgt etwa die Einsicht, dass das Ganze wohl länger dauert, daher auch der Titel ,Monotone´. Es ist ein ganz persönliches Album, wenngleich, wie bei all meinen Liedern, auch eine Abstraktion: Ich singe nie hundertprozentig über mich selbst“, verdeutlicht Balthasar.

Nicht wenige Musiker haben während der Corona-Krise Lieder geschrieben, um Mut zu machen. Zu Daniel Balthasar hätte das nicht gepasst: „Weder belehre ich gerne, noch will ich die Leute in eine bestimmte Richtung manipulieren. Das ist nicht mein Stil. Außerdem lag es mir fern, kommerzielle Nummern zu schreiben. Ich habe nicht versucht, einen total eingängigen Refrain an einen Vers zu hängen. Es sollte eine freie Struktur sein, mit manchmal mittendrin einfach instrumentalen Parts. Es ist eine außergewöhnliche Zeit, und das sollte man auch aus den Liedern heraushören. Das Album ist für mich wie ein Zeitdokument.“

Letztlich hat die Pappkiste für ihn auch Symbolcharakter. „Wir sitzen im Moment alle in unseren Kisten respektive Wohnungen oder Häusern. Die Box war für mich in gewisser Weise ein sicherer Hafen. Dort konnte mir nichts passieren, ich konnte meinen Gedanken freien Lauf lassen und wurde durch nichts abgelenkt. Im Laufe der Zeit haben die Ängste nachgelassen, und so hört auch das Album mit einer hoffnungsvollen Note auf. Das letzte Lied, ,Any Day Now´, unterscheidet sich nur durch den Text vom Opener ,Anywhere´. Es geht darum, dass der Tag näherrückt, an dem wir uns alle wiedersehen“, erzählt der Musiker.

Neues Studioalbum noch 2020

Eigentlich veröffentlicht Daniel Balthasar alle zwei Jahre ein Studioalbum oder eine EP. „Presence of Absence“ erschien 2017. Warum dauert es diesmal länger? „Mit zunehmendem Alter wird man auch kritischer. Es ist nicht so, als hätte ich in dieser ganzen Zeit nicht mehr Lieder geschrieben, nur wollte ich sie nicht alle herausbringen“, antwortet der Songwriter. Ein anderer Grund waren Änderungen in der Bandkonstellation. „Ich war lange Zeit sehr gesegnet mit einer Band, die gut funktionierte, und dann haben 2017 sowohl mein langjähriger Bassist als auch mein Gitarrist aufgehört. Bandtechnisch begann es zu holpern. Sicherlich war das bisher eine der größten Krisen in meinem Leben“, erinnert er sich.

Mit Sebastian Schlapbe Flach habe er zum Glück schnell einen neuen Bassisten gefunden. Und Ende 2017 fragte er die beiden Gitarristen Charel Stoltz und Jimmy Leen von Mad Fox, ob sie zwei neue Lieder mit ihm aufnehmen würden. „Das war dann mit das Beste, was ich bisher im Studio erlebt habe. Es hat direkt funktioniert, sechs Musiker und ich, das war total inspirierend, sodass ich weitergeschrieben habe. Inzwischen haben wir drei Sessions aufgenommen und die letzte steht im Juli in Südfrankreich an. Ich weiß natürlich nicht, ob das nun möglich ist, das Album wird aber auf jeden Fall dieses Jahr veröffentlicht. Das sollte machbar sein“, zeigt er sich zuversichtlich. Mit „Capacity“, „Home“ und „Shadow“ sind bereits drei stilistisch sehr unterschiedliche Singles erschienen. „Es ist ein relativ abwechslungsreiches Album, weil wir teils auch Synthesizer und sogar Saxofon und Trompete eingebunden haben. Das ist neu für mich. Es gibt viele Sachen, die man noch ausprobieren kann“, meint der Musiker.

Und was passiert nun eigentlich mit der Kiste? Daniel Balthasar lacht: „Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Wegschmeißen kann ich sie jetzt jedenfalls nicht mehr. Von Zeit zu Zeit werde ich sicherlich hineinsteigen. Sie ist quasi ein kleines Museum für mich.“

„The long lost art of getting lost“ kann man gratis auf der Homepage des Musikers www.danielbalthasar.com downloaden oder bei den bekannten Anbietern streamen. Zum Titel „Anywhere“ gibt es auch ein Video, das von Balthasars Frau Véronique Kolber realisiert wurde. Über 2.000 Bilder hat sie dazu gemalt, die wie eine Art Daumenkino auf die Wände der Pappkiste projiziert werden. Zum Video: tinyurl.com/BalthasarAnywhere