SIMONE MOLITOR

Nicht das Sommerloch ist schuld. Nicht der Mangel an sonstigen Themen, die sich für die Zeitungsseiten eignen würden oder die Nachrichtenrubriken in TV und Radio füllen könnten. Nicht die Pietätlosigkeit mancher Medienmacher, möglichst viele Leichen zu präsentieren, ist der Grund. Nicht die eventuelle Sensationsgier der Leser-, Hörer- oder Zuschauerschaft soll befriedigt werden. Nein, es ist die Brisanz der Problematik und die damit verbundene Dramatik, die Flüchtlinge in den Medien allgegenwärtig werden lässt. Es ist aber auch der sture Unwille mancher - zu vieler - Bürger, sich vor Augen zu halten, dass hinter jedem Migranten ein Mensch steckt, der Journalisten dazu bewegt, tagtäglich über die Einzelschicksale zu berichten. Aufzuklären. Und wachzurütteln.

Als im April die ersten großen Flüchtlingsdramen im Mittelmeer Europa erschütterten, waren die Opfer noch weitestgehend gesichtslos. Ihre jeweiligen Lebensgeschichten waren zweitrangig. Ihre Beweggründe nur unzureichend bekannt. Wenngleich die Politik bereits damals gefordert war, wurde es uns noch leichter gemacht, wegzuschauen. Wir wurden nicht mit Einzelschicksalen konfrontiert, wir mussten nichts empfinden, außer einem entfernten Bedauern und natürlich einem Moment des tiefen Schocks, den wir aber allzu schnell wieder überwinden konnten. So wie wir es immer tun, wenn sich irgendwo ein größeres Unglück zuträgt, das zahlreiche Menschenleben fordert. Nicht aber dieses Mal. Wir sollten nicht verschont bleiben. Weitere Dramen folgten, und tun es immer noch. Fast täglich. Die Situation wird sich nicht verbessern, solange wir wegschauen.

Mittlerweile haben die Opfer Gesichter bekommen, die Betroffenen Namen, die Familien auf der Flucht Geschichten. Diese dramatischen Einblicke öffneten viele Augen, aber längst nicht alle. Umso wichtiger ist es, Berichte auf Berichte folgen zu lassen, den Menschen hinter dem Flüchtling in den Vordergrund zu rücken und sein Schicksal zu thematisieren, um so möglicherweise auch den Letzten wachzurütteln. Zwingen kann man letztendlich aber niemanden...

Das „Not in my backyard“-Syndrom ist weit verbreitet. Menschen mit einer solchen Mentalität davon zu überzeugen, genauer hinzuschauen, ist schwierig. Überzeugungsarbeit im ausländerfeindlichen Lager leisten zu wollen, lohnt der Mühe kaum. Die einen haben Angst, dass ihnen etwas weggenommen wird, die anderen hassen einfach grundlos, dafür aber abgrundtief. Wirkliches Interesse an den Beweggründen der Flüchtlinge, geschweige denn an den Menschen selbst, zeigen die wenigsten dieser unaufgeklärten Personen. Gleichzeitig schreien aber genau sie am lautesten, tragen ihren Hass öffentlich zur Schau oder hetzen im Netz gegen Migranten und die Politiker, die für sie eintreten.

Ja, möglicherweise droht ein „Overkill“: Die Flüchtlingsproblematik ist derzeit tatsächlich omnipräsent. Solange aber täglich Menschen aus ihrer Heimat in eine ungewisse Zukunft flüchten müssen und dabei sterben, sich ihnen auf der anderen Seite wiederum Menschen mit konsequent geschlossenen Augen in den Weg stellen, ist es unsere Pflicht, die Zeitungsseiten mit ihren Schicksalen zu füllen und ihnen die beste Sendezeit zu schenken.