CLAUDE KARGER

Seit gestern lebt die Menschheit auf Pump. Sie hat nämlich bereits alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht, die die Welt innerhalb dieses Jahres reproduzieren kann. Das hat jedenfalls der „Think Tank“ „Global Footprint Network“ ausgerechnet, das jährlich analysiert, wann der ökologische Fußabdruck der Menschheit - also die Fläche die nötig wäre um die Nachfrage der Weltbevölkerung in allen Hinsichten abzudecken - die Fähigkeit des Planeten zur natürlichen Regeneration überholt. Aus diesem Vergleich wird dann ermittelt, an welchem Datum der „Earth Overshoot Day“ erfällt. Dieser „Weltüberlastungstag“ fiel im Jahr 2005 noch auf den 3. September, 1990 auf den 13. Oktober und 1980 auf den 3. November. Das heißt also, dass wir immer früher im Jahr verbraucht haben, was die Welt reproduzieren kann. „Das ist so, als ob jemand mehr Geld ausgibt, als er verdient, und damit sein Erspartes aufbraucht“, schreibt die Organisation in einer Pressemitteilung.

Dem „Global Footprint Network“ zufolge sind wir 1970 in die „Overshoot“-Ära eingetreten. Heute würden die 7,3 Milliarden Erdenbürger - 1970 waren es noch knapp 3,7 - die Ressourcen von 1,6 Planeten benötigen, heißt es. Das Problem: Nirgends wurde bislang ein weiterer Erdball gefunden. Man kann von diesen Zahlenspielen halten, was man will. Dass der Mensch den Globus immer stärker strapaziert, dass sich die natürlichen Ressourcen beständig leeren oder durch zunehmende Verschmutzung unwiederbringlich verloren gehen, ist allerdings eine unumstößliche Diagnose. Selbst knallharte Skeptiker müssen heute eingestehen, dass die menschliche Aktivität etwas mit der Erderwärmung zu tun haben muss. Aus dem All kann man die viele Quadratkilometer großen Wunden sehen, die der Mensch in die Erde geschlagen hat. Man kann beobachten, wie einst riesige Wasserflächen in nur wenigen Jahrzehnten verschwunden sind. „Der Spiegel“ schrieb diese Woche von der „gefährlichen Vergeudung unseres kostbarsten Rohstoffs“: Des überlebenswichtigen Süßwassers, das nur 2,5 Prozent des Wassers auf dem Planeten ausmacht und trotzdem „verschwendet, verdreckt, vergiftet“ wird und zudem „himmelschreiend ungerecht verteilt“ ist. Eine Milliarde Menschen müsse bereits vergiftetes Wasser trinken, weitere 2,3 Milliarden würden bereits unter Wassermangel leiden. Was Wassermangel bedeutet, spüren wir auch in unseren Breitengraden ein klein wenig dieser Tage.

Unvorstellbar für uns, dass die Dürre anhalten wird; in vielen Teilen der Welt ist das aber der Fall. Experten sind sich einig, dass Wasserkrisen das größte gesellschaftliche und ökonomische Risiko in den nächsten zehn Jahren darstellen. Sie entstehen, genau wie die übelsten Umweltkatastrophen, meist in den ärmsten Regionen der Welt.

Und das hat nicht zuletzt mit dem Lebensstil der Bewohner der reichen Länder zu tun. Wir regen uns über die schrecklichen Umweltskandale auf, aber sind wir uns bewusst, dass auch unsere ganz persönlichen Entscheidungen sie mit provoziert haben könnten? Und vor allem: Was tun wir, um unseren eigenen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren? „La nature n‘a pas besoin de nous, c‘est nous qui avons besoin d‘elle“, sagte Umweltministerin Carole Dieschbourg dem „Jeudi“ diese Woche. Reichlich „Food for thought“ zum „Earth Overshoot Day“.