PATRICK WELTER

Ungarn galt mal als die „lustigste Baracke des Sozialismus“. Janos Kadar hatte sich während des Ungarnaufstands zwar auf die Seite der Russen geschlagen, aber seit den 1960ern sorgte er für einen Sozialismus, der den Bürgern nach und nach erstaunliche Freiheiten (für Ostblockverhältnisse) ließ.

Im Sommer 1989 hörte man das den Warschauer Pakt tragende Gebälk schon mächtig knirschen, aber alle Analysten rechneten damit, dass es noch ein paar Jahre halten würde. Wie der Zusammenbruch aussehen würde war die Frage. Ein Militärputsch-light à la Jaruzelski oder ein Massaker à la chinoise? Mit dem, was dann wirklich kam, im Herbst 1989 rechnete niemand. Heute kann man Tag und Ort genau benennen, als der erste Stützbalken aus dem Fachwerk gezogen wurde: Am 19. August 1989 in der Nähe des ungarischen Sopron (Ödenburg).

Polen zerrte schon seit Jahren an seinen sozialistischen Ketten, lag aber eingeklemmt zwischen dem Großen Bruder und den Superkommunisten aus Berlin (Ost). In der CSSR (heute Tschechien und Slowakei) war man eher an Touristen aus dem Westen interessiert als an der reinen Lehre, aber die Dissidenten, junge (Havel) wie alte (Dubcek), waren noch in der Deckung. Die Herren in Sofia und Bukarest fühlten sich sicher, die grauen Männer in Ostberlin glaubten an die Effizienz ihres Repressionsapparates. In Ungarn war man schon ein Stück weiter, hier sah sich die Regierung unter Berufung auf den neuen Mann in Moskau nicht mehr dazu verpflichtet den Grenzpolizisten für andere zu spielen. Die Kontakte nach Wien waren glänzend und auch Otto von Habsburg war im Land der Stephanskrone alles andere als eine Persona non grata. Mit tastenden Schritten lotete man die neuen Freiheiten aus, als Schießbefehl und Stacheldraht an der ungarischen Grenze verschwanden, gab es keine Reaktion aus Moskau.

Die Chronisten sind sich heute uneins, ob es eine „spontane“ Idee ungarischer Oppositioneller und der Paneuropa-Union war, als man zu einem „paneuropäischen Picknick“ an der ungarisch-österreichischen Grenze bat, die an diesem Tag offen stehen sollte. Oder handelte es sich um den nächsten Versuchsballon der Budapester Regierung in Richtung Moskau. Plötzlich war die Sperrzone um den Neusiedler See Geschichte. Das „Picknick“ wurde per Flugblatt in deutscher Sprache auf den Campingplätzen beworben, erstaunlich für einen semi-totalitären Staat. Die Grenzer beider Seiten blieben sich selbst überlassen und schauten kluger Weise weg, als siebenhundert DDR-Bürger an ihnen vorbei nach Österreich „in den Westen“ stürmten. Merkwürdiger Weise vor den Augen der Presse. Als auch jetzt kein Donnerwetter aus Moskau kam, machte die ungarische Regierung Ernst. Ab dem 10. September standen alle Grenzen offen.

Die Ostdeutschen durften schon lange nicht mehr in das konterrevolutionäre Polen reisen, nun standen auch Reisen nach Ungarn auf der Verbotsliste. Der Druck im ostdeutschen Kessel stieg daraufhin so stark an, dass zwei Monate später die Berliner Mauer unter einem Seufzen zusammenfiel. Es ist bitter, dass Ungarn seine neue Freiheit nur zwei Jahrzehnte später dazu nutzt, mit wehenden Fahnen nach Rechtsaußen zu marschieren.