CLAUDE KARGER

Luxemburg ist diese Woche wieder einen großen gesellschaftspolitischen Schritt weiter gekommen. Am Dienstag stimmten 38 Abgeordnete für die Reform der Gesetzgebung über den Schwangerschaftsabbruch. Künftig entscheidet in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft einzig die Frau darüber, ob sie ihr Kind austragen will oder nicht.

Ohne dass sie riskiert, vor einem Strafgericht zu landen, denn der Schwangerschaftsabbruch steht in diesem Fall nach 200 Jahren endlich nicht mehr im Strafgesetzbuch. Gleichzeitig wird aus der Pflicht für eine zweite Beratung ein Beratungsrecht und für Sexualberatung und Verhütung sollen mehr Mittel zur Verfügung stehen. Ein eminent wichtiger Paradigmenwechsel für die Selbstbestimmung der Frau, der natürlich jenen nicht genehm ist, die immer noch meinen, sie müssten im Namen irgendeiner höheren Macht vorgeben, wie die Menschen zu leben haben und behaupten, alle Werte gingen über Bord, wenn die Leute anders denken.

Zum Glück schwindet heute dieser Einfluss, der zu lange zu viele Menschen ins Abseits gedrängt hat. Und er wird weiter schwinden, schließlich hat sich keine der schlimmen Befürchtungen, die etwa die katholische Kirche im Vorfeld von gesellschaftspolitischen Fortschritten verbreitete, bewahrheitet.

Die vom Erzbischof gehegte Befürchtung, das neue „Avortement“-Gesetz führe zu einer „Trivialisierung“ des Schwangerschaftsabbruchs als ein Instrument der Lebensplanung - als ob die betroffenen Frauen diese lange nachwirkende, intimste Entscheidung auf die leichte Schulter nehmen würden - wird ebenso wenig zutreffen wie seinerzeit die düstere Mär von massenhaften Euthanasien, die im Vorfeld der Reform des Sterbehilfegesetzes von 2008 gestreut wurde.

In vier Jahren beanspruchten knapp 19 Bürger die aktive Sterbehilfe. Das Gesetz sorgt dafür, dass der Willen des Sterbenden absolut respektiert wird, und er seinen letzten Weg unter den besten Bedingungen antreten kann. Im Klartext: Die Freiheit der Menschen, etwas zu tun per Gesetz zu verankern, heißt nicht unbedingt, dass sie davon auch Gebrauch machen. Aber den Menschen, die das wollen, hilft das entsprechende Gesetz, es unter besten Bedingungen tun zu können. Niemand wird abstreiten können, dass unter der derzeitigen Regierungskoalition die Chancen größer sind, Gesetzgebung und Gesellschaft in diesem Sinne voran zu bringen als mit einer Regierungsbeteiligung der CSV. Letztere hatte es jahrzehntelang in der Hand, richtig Gas bei gesellschaftspolitischen Reformen zu geben, aber der katholische Anker in der Partei verlangsamte den Prozess ungemein.

Doch auch in der größten Oppositionspartei ändern sich die Einstellungen, rückt die Glaubensdoktrin in den Hintergrund, dafür der Mensch in den Vordergrund. Vier CSV-Abgeordnete stimmten am Dienstag für die Reform des Abtreibungsgesetzes - vor fünf Jahren hatte eine einzige CSV-Abgeordnete gegen die Linie ihrer Partei für das Sterbehilfegesetz gestimmt. Ohnehin: „Le changement est en marche“. Und diese Regierung hat das in kurzer Zeit vor allem auf gesellschaftspolitischem Plan eindrucksvoll bewiesen.