PATRICK WELTER

Die Theorie der Paralleluniversen gilt nicht mehr als Science-Fiction-Spinnerei, sondern gehört zu den anerkannten Theorien der Kosmologie. Die Begründung für die Existenz unendlicher Welten übersteigt aber den Horizont von Nichtmathematikern.

Verlassen wir das All und landen wir wieder auf der Erde, auf dem winzigen Steinhaufen des eurasischen Kontinents, der sich Europa nennt. Europa ist nicht nur Geografie, sondern auch Politik - daher die Parallelen zur Kosmologie. Der Glaube, dass es nur eine EU gibt, ist leider falsch. Diese EU wird aus mindestens 28 Blickwinkeln betrachtet und am Ende kommen zwei Dutzend EUs zum Vorschein, die mal mehr, mal weniger mit dem wirklichen Europa zu tun haben: Für Boris Johnson und den aus der Zeit gefallenen Brexiteer Rees-Moog ist die EU ein großdeutsches Reich ohne Hakenkreuz, bevölkert von Vasallen Berlins. Eindeutig zu viel der Ehre für Frau Merkel.

Die einzigen, die eine ähnlich rückwärts gewandte Europa-Sicht haben, sind die Griechen. Auch da heißt es: „Deutschland regiert, Deutschland zahlt“ - doppelter Irrtum. Italiens starker Mann Salvini sieht den neuen Napoleon dagegen in Paris sitzen und die EU als neues „Empire“. Die Bande der Visegrad-Staaten leidet unter eine Überdosis Sissi und sieht die EU als neue Doppelmonarchie ohne Kaiser, dabei mächtig unterstützt vom österreichischen Kanzler Kurz, bekannt auch als „Wunderwuzzi“ (Wiener Straßenjargon), der den Mann im Elysée-Palast als „Utopisten“ betrachtet. Auf mahnende Worte aus Wien an Viktor Orban wartet man bisher vergeblich. Für die Visegrader stehen die „Türken“ (Syrer, Iraker, Jemeniten etc.) schon wieder kurz vor Wien. Brüssel und Berlin sind in diesem Europabild nicht anderes als moralinsauere und philosemitische Langweiler. Für die drei Baltenstaaten ist die EU pures Überleben. Die Balten sind lieber gute EU-Bürger als unfreiwillige Russen. Selbst die große Minderheit ethnischer Russen sieht, dass ihnen ein EU-Pass mehr nutzt als Putins Verlockungen. Die vier Skandinavier, neben den Vollmitgliedern Dänemark, Schweden und Finnland segelt auch Norwegen im europäischen Konvoi mit, sehen die EU vor allem rational. Dänen und Schweden leisten sich mit ihren Kronen ein wenig Währungsparanoia, aber ohne EU will keiner.

Rumänien und Bulgarien sind froh, dabei zu sein, gibt ja ordentlich Geld für die heimischen Kassen. Leider nervt dieses ewige Moralisieren aus Brüssel und Straßburg über Korruption und Unabhängigkeit der Justiz. Aber wie sagt ein russisches Sprichwort: Der Zar ist weit. Der Kern derjenigen Staaten, die Europa im Geist der Römischen Verträge als großes Projekt sehen, ist überschaubar. Da sind zunächst die Gründer, die Benelux, Frankreich und Deutschland - Italien ist Dank Salvini raus -, die im Großen und Ganzen in die selbe Richtung ziehen. Auch wenn Macron ein Visionär und Merkel eine staubtrockene Buchhalterin ist, stimmt der Grundkonsens. Mit von der Partie ist auch Irland, dass Dank der EU aus Armut und Abhängigkeit des britischen Nachbarn herauskam. Ähnlich die Situation in Spanien und Portugal, die ihre faschistischen Diktaturen erst in den 1970ern los wurden, und Dank der EU ihren Rückstand aufholen konnten. Was bleibt als Erkenntnis? Das Europa der zwei Geschwindigkeiten ist längst da!