Absolute Sicherheit bedeutet absolute Unfreiheit. Die angeblich rückständigen Europäer sind sich der Gefahren deutlich bewusst, die mit einem Ruf nach immer mehr Sicherheit verbunden ist - abgesehen von Rechtsauslegern aus CSV und CSU. Ihr Mantra heißt nach jedem Terroranschlag „Panic-Room für alle“. Spätesten seit Jody Foster wissen wir alle, dass derjenige, der im Packraum sitzt, der Gefangene seiner eigenen Angst ist. Angst kann töten. Erinnert sei nur an den Banker, der in seiner festungsartigen Wohnung in Monaco an Rauchgasen erstickt ist, weil er aus lauter Entführungsangst nicht der Feuerwehr geöffnet hat.

Ähnlich verhalten sich die USA zurzeit. Bürgerrechte? Informationelle Selbstbestimmung? Völkerrecht? Alles Pille-Palle.

Man muss nicht gleich den dicken Knüppel Guantanamo schwingen, der größte Pfahl im Fleisch der gottesgläubigen Amerikaner. Andersgläubige in Käfigen hatten wir Europäer auch schon. Im westfälischen Münster hängen sie an der Lamberti-Kirche - die Käfige.

Es ist schon alleine unfassbar, dass ein Staat, der sich selbst demokratisch und frei nennt, seine eigenen Bürger systematisch bespitzelt. Dass er jeden einreisenden Touristen für einen potenziellen Terroristen hält, ist inzwischen Normalität.

Alle greifbaren Al-Kaida -und Taliban-Oberhäupter haben entweder nächtlichen Besuch von den Special Forces erhalten, oder die Wirkung von Cruise missiles am eigenen Körper gespürt. Pech. Wer Terrorist wird, muss derartige Berufsrisiken in Kauf nehmen.

Jetzt kann sich „Gods own country“ auf die Staatsfeinde im eigenen Land konzentrieren. Merkwürdig nur, dass Staatsfeind 1 und 2 keineswegs betrügerische Banker sind, die Volkswirtschaften ruinieren, auch keine Öl-Hasardeure, die Meere verdrecken, nicht mal die Drogenbarone, die die zerrissene US-Gesellschaft mit „Trösterlein“ versorgen. Nein - die beiden größten Staatsfeinde sind zwei Computer-Nerds, oder Geeks . Das schlimmste, was man heute in den USA sein kann, ist ein Whistleblower - einer, der je nach Sichtweise, topgeheime oder haarsträubende Informationen herausgibt.

Bei Bradley Manning kam man noch sagen, dass er Soldat war und militärische Geheimnisse ins Netz gestellt hat - aber dafür mit Isolationshaft und der Forderung nach lebenslanger Freiheitsstrafe zu kommen, ist grotesk, wenn nicht, mit Verlaub, faschistoid.

Gänzlich aus dem Ruder läuft die Vorstellung von Recht und Freiheit, wenn jetzt Jagd auf Edward Snowden gemacht wird, den Mann, der den Datensauger NSA bloßgestellt hat. Solange die USA in ihrer Paranoia nicht begreifen, dass Recht und Gesetz Werte sind, an die auch sie sich zu halten haben, werden sie den Geek rund um den Globus jagen. Es wäre klüger, wenn sich die USA und ihr Geheimdienste für ihre Rechtsbrüche im In- und Ausland entschuldigen würden.

Staaten sind mehr als die Summe ihrer Politiker und Beamten, ein Staat ist die Gemeinschaft aller. Betonung liegt auf Gemeinschaft. Es ist doch paradox, dass die, die Gemeinschaft bilden, von den Organen eben dieser Gemeinschaft unter Generalverdacht gestellt werden.

George Orwell hat sich sicher nicht vorstellen können, dass sein „Big Brother“einmal in Gestalt eines schwarzen demokratischen (!) US-Präsidenten bittere Realität wird.