PATRICK WELTER

Meine Grundausbildung in Sachen Spionage erfolgte durch John le Carré und seinen Hauptprotagonisten den kleinen unauffälligen George Smiley. Smiley kannte nur einen Feind, Karla, den Chef des russischen KGB, der dem MI 6 einen Doppelagenten in die Führungsspitze geschleust hatte - stark orientiert am realen Fall Kim Philby. Smiley gelingt es sogar ihn umzudrehen, wobei le Carré immer darauf achtet, dass Spionage nur selten ein echtes Happy End hat. Schon George Smiley hatte ein wachsames Auge auf die amerikanischen „Vettern“ von der CIA, aus Sorge sie könnten ihm aus Eigeninteresse Knüppel zwischen die Beine werfen. In seinen neueren Romanen, die schon vor dem Hintergrund des „Kriegs gegen den Terror“ spielen, wird die Rolle der USA nicht besser - erst schießen, dann fragen.

Was aber gestern über die Agenturen ging, hat sich nicht einmal John le Carré getraut zu schreiben: Die internen Ermittler des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) setzten einen jungen Mitarbeiter wegen des Verkaufs geheimer Informationen fest. Vermutlich an den alten KGB-Haudegen Vladimir Putin. Leider ist das Gesicht des Vernehmungsbeamten nicht dokumentiert, als der geschnappte Doppelagent mit der Sprache rausrückte, an wen er verkauft hat. An die USA! Direkt an die US-Botschaft in Berlin.

Überrascht uns so was noch? Angesichts der dokumentierten Datensammelwut von NSA und Konsorten sollte es das eigentlich nicht. Schließlich wurde schon Muttis Telefon angezapft. Aber das man seinen angeblich wichtigsten politischen Partner in Europa per Doppelagent abschöpft, schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht.

Ausgerechnet der Geheimdienst wird angezapft, den die USA 1945 selbst gegründet haben, durch die nahtlose Übernahme der Abteilung „Fremde Heere Ost“ der Wehrmacht. Später wurde daraus die Organisation Gehlen und noch viel später der BND.

Der BND liefert seine Anti-Terrorerkenntnisse sowieso schon an NSA, CIA etc. und wird dann trotzdem noch abgeschöpft? Besonders dreist ist es, dabei den Untersuchungsausschuss geheimdienstlich anzugreifen, der sich schon mit der hemmungslosen automatisierten („totalitären“ so ein Zeuge) Abhörpraxis der NSA beschäftigt. Wie krank ist das denn? Wollte die CIA Edward Snowden im Reichstag killen? Hinzukommt, dass nicht nur die deutsche Regierung verprellt wird, sondern auch ein Partnergeheimdienst, der genau dort bestens vernetzt ist, wo die USA verhasst sind.

Und was geht uns das an? Wenn NSA und CIA keine Hemmungen haben, Berlin auszuforschen, wie groß wird die Zurückhaltung gegenüber dem kleinen Großherzogtum sein?

Bricht man das Verhalten der USA seit dem 11. September 2001 einmal auf menschliche Dimensionen herab, so muss man feststellen, dass der Patient sein posttraumatische Belastungsstörung immer noch nicht überstanden hat. Der Patient leidet weiterhin unter zwanghaftem Kontrollwahn und schwerer Paranoia. Schlicht ein Fall für die Klapse und allerintensivste Therapie. Dr. House, sie werden gebraucht!