LUXEMBURG
GERHARD KLUTH

Yuja Wang gastierte in der Philharmonie

Mit einem weiteren Klavierrezital hatte die Luxemburger Philharmonie wieder einmal genau den Geschmack des Publikums getroffen. Voll war das Grand Auditorium am Montagabend, als die Chinesin Yuja Wang die Bühne betrat.

Bekannt ist die 25-Jährige neben ihrem Spiel auch für ihr Outfit, mit dem sie sich bei ihren Konzerten präsentiert. Auf dem Kirchberg erschien sie in einem ledernen Minikleid, das so eng war, wie eine zweite Haut. Dazu trug sie Schuhe, deren Absätze in den Bereich der Waffenscheinpflicht fielen.

Wang bedient also das Image, auch wenn sie es nach eigenem Bekunden eigentlich ablehnt. In einem Interview mit dem Münchener Merkur antwortete sie auf die Frage, was sie davon halte, dass das Aussehen der Stars immer wichtiger werde: „Das finde ich gar nicht gut. Es gibt mir sehr zu denken, dass das Marketing und das Image eines Künstlers heutzutage so eine große Rolle spielen. Jetzt bin ich noch jung - aber was ist in 20 Jahren? Lässt mich die Musikindustrie dann fallen, wenn man mich nicht mehr so gut vermarkten kann?
Schnell laufende Zahnräder
der Maschinierie
Wang ist eine Virtuosin. Dieser Aspekt stand auch bei ihrem Luxemburger Rezital deutlich im Vordergrund. Ob nun Lowell Liebermanns „Gargoyles“ oder Sergej Rachmaninows zweite Sonate, Opus 36, ob die Sonaten 2 und 6 von Alexander Skrjabin oder die Klavierfassung von Maurice Ravels „La Valse“, alles war dafür ausgelegt, vor allem ihr kraftvolles und teils wahnwitziges Spiel zu präsentieren und damit den Zuhörern Beifallsstürme zu entlocken. Unter diesem Aspekt ein absolut gelungener Abend. Im deutschen Teil des Programmheftes war diesmal kaum etwas zu den Werken zu lesen. Vielmehr ließ sich die Musikwissenschaftlerin Christiane Tewinkel ausführlich zum Thema „Wunderkinder“ in der Musik aus. Warum, musste man sich fragen? War Wang ein Wunderkind? Oder dient auch dieses etwas zweifelhafte Prädikat dem Marketing?

Es gibt viele Pianisten, die mit sechs Jahren ihren ersten Klavierunterricht erhielten. Martha Argerich bekam ihn sogar schon mit drei Jahren. Das sie mit 15 ihr Studium bei Gary Graffman aufnahm, macht aus ihr auch kein Wunderkind. Die Pianistinnen Mitsuko Uchida und Hélène Grimaud begannen ihr Studium bereits mit zwölf und auch ein Vladimir Horowitz schrieb sich schon während seiner Schulzeit am Konservatorium ein.

Wenn man den Text aber als eine kritische Anmerkung zum Umgang der Phonoindustrie mit jungen Künstlern sieht, dann kann man ihm nur zustimmen. Die erwähnten großen Pianisten hatten vielleicht den Vorzug, dass sie nicht in die immer schneller laufenden Zahnräder dieser Maschinerie geraten waren, sondern sich langsam entwickeln konnten. Ein Minikleid, Highheels und ein Parforceritt über die Klaviatur begeistern zweifellos. Aber das verbraucht sich. Und dann?