Andrée Birnbaum leitet die Seniorenakademie des RBS Center fir Altersfroen in Luxemburg. Es befasst sich mit Fragen, die den Altersprozess des Einzelnen und dessen selbstbestimmte Förderung betreffen. Hierzu können Menschen ab 50 Jahren in der Seniorenakademie Antworten entwickeln.
Frau Birnbaum, gibt es immer mehr gut situierte Senioren?
Andrée Birnbaum Die Zahl von Senioren steigt zwar, aber nicht alle sind besser gestellt. Es gibt sehr unterschiedliche Profile, auch was die finanzielle Situation angeht. Wir bestehen seit 25 Jahren und sehen: Das Profil der Senioren verändert sich. Früher hatten wir viele Luxemburger. Auch heute noch kommt eine große Anzahl an luxemburgischen Mitgliedern, aber wir möchten auch ein Augenmerk auf ältere Menschen mit Migrationshintergund richten, um auch auf ihre Bedürfnisse eingehen zu können. Deshalb haben wir eine Mitarbeiterin eingestellt, die sich speziell um Migranten kümmert. Viele von ihnen kennen uns nicht. Daran arbeiten wir. Wir versuchen, für alle etwas zu finden. Oft sind es Ausländer, die erst später gekommen sind, hier nur ein paar Jahre gearbeitet haben und nur eine kleine Rente aus dem Ausland beziehen. Es gibt auch mehr Scheidungen. Früher ließ man sich nicht scheiden. Heute gibt es geschiedene Seniorinnen, die als Mütter nicht gearbeitet haben. Insgesamt sind die Profile der Senioren vielschichtiger. Wir erreichen rund 16.000 Senioren dank unserer Karte aktiv60+ und des Magazins „Aktiv am Liewen“. Es gibt knapp 100.000 Menschen über 60 Jahre in Luxemburg. Darüber hinaus erreichen wir viele Leute in Alters- oder Seniorenheimen.
Was bietet die RBS-Seniorenakademie an?
Birnbaum Wir sind 1989 auf Initiative des Luxemburger Familienministeriums gegründet worden, das damit auf die demografische Entwicklung reagiert hat. Die Seniorenakademie ist Teil des RBS. Sie bietet einerseits Kurse und Veranstaltungen an. Einige Beispiele: Das kann eine Diskussion zum Thema Sexualität im Alter in kleiner Runde sein. Es kann aber auch ein Gratis-Konzert der Militärmusik für 600 Personen sein. Wir haben seit sechs Jahren einen Computerclub, wo ausgebildete Senioren andere einweisen. Gemeinsam besuchen wir Ausstellungen. Es ist eine Mischung aus Kultur, Sensibilisierung, Gesundheit, Information und Beratung. Dann veröffentlichen wir die Zeitung „Aktiv am Liewen“, mit der wir versuchen, alle Informationen, die wichtig für ältere für Menschen sind, zusammen zu fassen. Zum Beispiel welche Hilfen gibt es? Wir konzipieren auch Bücher und Spiele und beraten.
Welchen Rat suchen Senioren?
Birnbaum Sie wollen wissen was ist, wenn der Partner Alzheimer hat. Dazu entwickeln wir auch neue Konzepte. Andere Fragen sind: Wie kann ich mich richtig auf die Rente vorbereiten? Eine neue Thematik ist die Partnersuche. Immer mehr Leute haben Fragen dazu. Sie wissen nicht, wie sie das machen sollen und fragen uns, weil sie uns vertrauen. Manche haben viel Geld bei Online-Vermittlungen gelassen. Zurzeit überlegen wir, wie wir auf diese neue Fragestellung eingehen können.
Wollen Senioren anders wohnen?
Birnbaum Wir hatten in unserer Zeitung andere Wohnformen als Themenschwerpunkt. Es sollen einige Projekte in Luxemburg anlaufen. Da sind wir eher als Berater gefragt. Ähnliche Ideen gibt es schon im Ausland. Der Erfolg ist unterschiedlich. Oft hängt es an Fragen, wie der Zusammensetzung und der Privatsphäre.
Sind Kaffeekränzchen noch angesagt?
Birnbaum Nein, heute muss es viel breiter gefächerter sein. Wir haben bemerkt, dass Menschen mit Migrationshintergrund eher an Veranstaltungen interessiert sind, in denen sie soziale Kontakte knüpfen können. Das kann zum Beispiel ein Spaziergang oder eine Gesprächsrunde bei Kaffee und Kuchen sein. Ansonsten sind die Senioren zum Teil sehr anspruchsvoll, sei es bei kulturellen Veranstaltungen, Konferenzen oder anderen Angeboten.
Wir haben beispielsweise unsere RBS-Reise einmal im Jahr mit 140 Personen. Die letzte Reise ging nach Andalusien, dieses Jahr fahren wir nach Griechenland. Nach einer Woche liegen schon 70 Anmeldungen vor. Das Konzept haben wir vor sieben Jahren bei RBS entwickelt, weil es uns sehr wichtig war, dass auch alleinstehende Personen sich trauen, in einem gesicherten Rahmen zu reisen. Es geht darum, soziale Netzwerke aufzubauen. Wir bieten den Teilnehmern Sicherheit, denn sie wissen, dass immer jemand da ist. Die Ansprüche sind hoch, was das Hotel, die Lage, die Ausstattung und die Erreichbarkeit angeht. Unsere Zuwendung ist natürlich auch sehr wichtig. Es ist uns wichtig, dass jeder Einzelne entscheiden soll, wie viel Aktivität er auf seiner Reise wünscht und benötigt. Falls das Ausflugsprogramm zu intensiv ist, kann man problemlos entscheiden, im Hotel zu bleiben und von dessen Annehmlichkeiten zu profitieren. Jeder soll seine Grenzen selbst einschätzen können. In den vergangenen zwei Jahren haben wir Wartelisten für die Teilnahme an der RBS-Reise. Da sieht man, wie wichtig Kontakt für die Leute ist. Es haben sich richtige Freundschaften entwickelt, Kegelrunden und anderes. Jedes Jahr wird eine Evaluation der Reise gemacht, um den Ansprüchen der Teilnehmer noch besser gerecht zu werden.
Wie ist das Angebot für Senioren von Luxemburg im Vergleich mit anderen Ländern?
Birnbaum Hier in Luxemburg gibt es ein breites Angebot. Wir haben 19 regionale Club Seniors. Es ist uns als RBS nicht so wichtig, wo die Senioren aktiv sind und soziale Kontakte schließen, sondern dass sie es tun. Daneben gibt es auch die ErwuesseBildung. Einen detaillierten Überblick über die Angebote im Ausland habe ich nicht. Ich weiß, dass es auch in Deutschland Seniorengemeinschaften gibt und dass das Angebot sehr unterschiedlich ist. In einem Interreg-Projekt haben wir Partner aus Deutschland, Belgien und Großbritannien. In Belgien und Großbritannien nimmt das Ehrenamt einen wichtigen Stellenwert ein, vielleicht auch deswegen, weil die finanzielle Situation etwas schwieriger ist. In Luxemburg ist das momentan nicht der Fall, auch wenn es vielleicht mal kommt. In den anderen Ländern ist es auch ganz normal, dass die Leute sich ehrenamtlich betätigen. Auch hier betätigen sich Menschen im Ehrenamt, öfter allerdings projektbezogen oder für eine überschaubare Dauer.


