LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Für einen optimistischeren Blick in die Zukunft

"Jung müsste man sein”. Den Satz höre ich oft und fast immer bringt er mich in peinliche Verlegenheit, hört es sich doch meist eher nach einem Vorwurf als nach einer simplen Feststellung an. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich wäre nicht froh darüber, jung zu sein. Die Chancen, sich bester Gesundheit zu erfreuen, sind deutlich höher und jungen Menschen stehen noch alle Möglichkeiten offen. Noch sind sie nicht gezwungen, sich auf irgendetwas festzulegen. Obschon man sicher besser vorankommt, wenn man weiß, was und wohin man will. Aber genau das wollen ja viele nicht. Vorankommen. Denn vorankommen bedeutet auch, zu wachsen. Erfahrungen zu sammeln. Älter zu werden. Meines Erachtens allerdings stellt das Alter kein Hindernis dar, sondern ein Ziel.

Der Wunsch, für immer 20 zu sein

Wenn ich mich mit Freunden unterhalte, stelle ich fest, dass viele Angst vor der Zukunft haben. Angst, was kommt, wenn wir nicht mehr studieren und plötzlich alle Pflichten und Entscheidungen auf uns zukommen die mit Arbeit, Familie und dem Eigenheim zusammenhängen. Mir hat tatsächlich schon einmal ein Bekannter seine Bedenken kundgetan, das Leben könne damit vorbei sein. Mich hat diese Aussage erschreckt. Ich teile diese Ansicht nicht, denn ich frage mich, welches Leben dann vorbei sein soll.

Wie definiert er denn das Leben, wenn er das als dessen Ende ansieht? Sicherlich ist es so, dass wir irgendwann weniger Freizeit haben werden, morgens früh aufstehen müssen und nicht jeden Abend ausgehen können. Aber andererseits folgt ja eine neue Etappe, die auch viele schöne Dinge mit sich bringt. Wir können doch nicht ewig irgendwo festhängen und uns erhoffen, dass alles so bleibt, wie es gerade ist. Das wäre pure Stagnation. Außerdem wäre das ziemlich langweilig, wenn es nur die eine schöne Sache im Leben geben würde und nur eine Handvoll Jahre wirklich Freude bereiten würden.

Abgesehen davon ist es keineswegs so, dass wir ab einem gewissen Zeitpunkt überhaupt nicht mehr ausgehen und Spaß haben dürfen. Und wenn wir uns dazu entscheiden, über die Stränge zu schlagen, können wir das mit 20 ebenso gut wie mit 40 Jahren. Die Konsequenzen müssen wir in jedem Alter selber tragen. Die Freiheit, ohne Einschränkung nur das zu machen, was wir wollen und niemals das zu tun, was wir müssen, die haben wir sowieso nie – zum Glück.

Auf den Lebensstufen emporsteigen

Für mich gehören die Jahre, in denen ich studiere, zu der Vorbereitung auf das Leben dazu. Ich bahne mir meinen Weg, damit ich irgendwann ankommen kann. Erst dann wird das Leben überhaupt einmal richtig beginnen. Ich teile also nicht die Angst vor dem Ende meines Lebens, sondern freue mich auf dessen Anfang. Ich steuere nicht auf den Tiefpunkt zu, sondern auf den Höhepunkt.

Eigentlich muss ich die wichtigsten Entscheidungen nämlich genau jetzt treffen und nicht in ein paar Jahren. Mich vor dieser Verantwortung zu drücken und sie vor mir herzuschieben wäre nicht klug. Was aber ist eine Entscheidung anderes als eine Vorbereitung, ja ein Plan, der auf ein in der Zukunft gelegenes Ziel ausgerichtet ist? Das gemeinte Ziel ist die Zukunft. Ich muss genau jetzt darüber nachdenken, wie mein Leben einmal aussehen soll, damit ich mich in ein paar Jahren zurücklehnen und genau dieses Leben leben kann.

Ein gutes Leben ohne vorausschauende Planung funktioniert meiner Ansicht nach nicht. Wie könnten wir zufrieden sein mit etwas, was wir ohne unser Zutun erhalten haben und wie könnten wir umgekehrt unzufrieden sein mit dem, was wir uns erarbeitet haben? Und wie könnte ich mir diese Frage jetzt stellen, wenn ich denken würde, dass es keine Rolle spielt, was ich später über meine Entscheidungen denken könnte, wenn das Leben dann sowieso schon vorbei ist?

Die Vorzüge erkennen

Sich mit älteren Menschen zu unterhalten ist hin und wieder ein wenig kraftraubend. Ich will nicht ständig mein Alter mit ihrem vergleichen müssen, ich will nicht immer hören, welche Fehler sie begangen haben und welche wir jungen Menschen vermeiden sollten. Ich finde es interessant, wenn sie ihre Erfahrungen mit mir teilen und ich höre gerne auf ihre gutgemeinten Ratschläge. Ich mag nur nicht die Art, wie sie uns eigentlich zu verstehen geben wollen, dass sie uns beneiden.

Immerhin hat ihr Leben auch Vorzüge, die das unsere noch nicht hat. Ich kann noch nicht dabei zusehen, wie meine Kinder aufwachsen, in die Schule kommen, heiraten und eigene Kinder bekommen. Einige Etappen haben wir im Leben eben noch vor uns und andere hinter uns, aber es gibt immer noch etwas, worauf wir uns freuen können und das lebenswert ist. Und ich spreche nicht von einem durch harte Schicksalsschläge gezeichnetem Leben.

Ich könnte es nachvollziehen, wenn jemand in diesem Fall schon einmal den Mut verlieren würde. Aber doch nicht, wenn es so viel Schönes gibt, worauf wir zurückblicken können und voraussichtlich noch so viele tolle Momente vor uns liegen. Ich denke, wir sollten uns einfach einmal die Frage stellen, worauf es im Leben wirklich ankommt und dann werden wir feststellen, dass wir das jederzeit haben können. Ganz gleich wie alt wir sind.