LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Enthusiasmus-Pirouetten an der Uni

Soeben hat ein neues Semester an der Uni Trier begonnen, für mich das nun schon siebte. In meiner ersten Vorlesung sind etwa 200 Studierende eingeschrieben. Davon sind, da es keine Anwesenheitspflicht gibt und der dort behandelte Stoff nicht prüfungsrelevant ist, maximal 50 erschienen und die Zahl wird im Lauf der nächsten Wochen weiter schrumpfen. Wie eine solche Sitzung ablaufen kann? Hier ein Beispiel.

Das Grünzeugs der Grünschnäbel

Viele „Erstis“ dürften sich unter den vorerst 50 Anwesenden befinden, nicht, weil sie besonders daran interessiert sind oder es für bereichernd erachten, sondern, weil sie eine Sache noch nicht gelernt haben: Dass man nämlich nur das macht, was man unbedingt machen muss. Der Besuch einer Vorlesung gehört nicht dazu. Ein erfahrener Student braucht Freizeit zwecks bitter nötiger Erholung.

Woran ich die „Erstis“ zudem erkenne? Nun, es ist ihre Aura. Sie strahlen eine Ehrfurcht vor der Uni und den Dozenten aus, die man bei höheren Semestern vergeblich sucht. Dann gibt es noch eine Reihe anderer Erkennungsmerkmale. Beispielsweise riecht es hier nach Hundekeks. Ein Junge, der rechts von mir am Rand sitzt, hat offenbar etwas zu essen dabei, das sehr gesund ist. Jetzt scheint ihm also noch etwas an seiner Ernährung zu liegen, jetzt braucht er noch den Vorrat auf, den seine Mutter ihm mitgegeben hat, aber nach geraumer Zeit wird sein Essens- und Wäschevorrat aufgebraucht sein. Dann ist er endlich bereit, sich von der Schul- auf die Uninahrung, sprich Fastfood, umzustellen und seinen Waschzwang abzulegen, indem er bis zu seinem ersten Heimatbesuch um Weihnachten dasselbe Paar Socken trägt.

Schwere Entscheidungen

Der Raum ist fast voll, ein Bild, das man selten zu sehen bekommt. Ein Mädchen möchte in unserer Reihe Platz nehmen; der Junge mit dem Hundekeks muss zu mir herüberrutschen. Dieser stößt jetzt, wo der Dozent den Raum betreten hat, direkt schon an seinem ersten Unitag, an seine Grenzen: Soll er mit seiner rechten Hand eher den Keks oder den Stift zum Mitschreiben halten? Denn, und daran erkennt man die „Erstis“ auch, er hat vor, den Text aller projizierten Folien Wort für Wort abzuschreiben, obschon er sich diese am PC herunterladen könnte. Ob noch jemand eine Frage habe, heißt es dann, und der Junge mit dem Keks will etwas sagen, hebt die Hand, mit dem Keks darin, der einfach nicht kleiner werden will, der verdammte offensichtlich unerschöpfliche Keks, entsinnt sich aber dann, dass er immer noch, seit einer halben Stunde jetzt, daran herumkaut und weder mit vollem Mund reden, noch beim Versuch an dem trockenen teigigen Etwas ersticken will, das sich zwischen seinen Zähnen befindet.

Ich betrachte ihn nicht von oben herab, lieber Leser, ich mache mich nicht darüber lustig, dass er sich gesund ernährt, fleißig ist und sich Notizen macht. Ich betrachte dieses Verhalten nur ironisch, weil ich weiß, dass es bei den meisten eben nicht anhält und dass sie ihr Interesse, Engagement und ihren Ehrgeiz recht bald vor ihren Freunden verstecken werden, bis sie selbst daran glauben, dass sie all dies nicht besitzen, und in Trägheit verfallen. Sie lernen, den Blick überall hin schweifen zu lassen, nur nicht auf Mund und Augen des Lehrenden.

Von der Decke baumeln ein paar Spinnweben und, passend dazu, eine monströse, nicht mehr unter den Lebenden weilende Spinne, die, angetrieben vom Luftzug der Klimaanlange, ihre Pirouetten dreht. In ihr herrscht mehr Leben und Dynamik, muss man sagen, als in manchem jungen Menschen, der sich selbst eine endlose Energie zuschreibt, weil er bis vier Uhr morgens vor dem Fernseher hocken und Serien streamen oder stundenlang mit einem Glas – gut, mehreren Gläsern – in der Hand bewegungslos rumstehen kann. Gähn, darauf mal einen kräftigen Schluck Kaffee!

Shopping und Handyspiele

Ich sehe dem Hundekeks-Jungen zu, wie sein Stift über das Blatt huscht und es stimmt mich traurig, weil dieser Anblick doch so vergänglich ist. Zu Recht, wie sich herausstellt, denn nach der Hälfte der Veranstaltung ist ebendas eingetreten, was ich prophezeit hatte: Er schließt den Stift, legt ihn in sein Federmäppchen, schließt auch dieses, legt es in seinen Ranzen, schließt auch diesen, zieht sich die Jacke an, schließt auch diese, dann verschließt er sich selbst vor dem, was ihm hier beigebracht werden könnte, steht auf und geht.

Einige tun es ihm gleich, andere bleiben und täuschen konzentriertes Zuhören zumindest vor. Ein Mädchen ganz vorne versteckt seit Minute eins ihren Kopf hinter dem Laptop und shoppt online Kleidung, andere spielen Handyspiele wie „Clash of Clans“ oder „Simpsons“. Zudem sehe ich einen strickenden Jungen. Zum Glück geht eine andere Dozentin mit gutem Beispiel voran. Sie sitzt, als „Zuhörerin“, in der ersten Reihe, die sonst immer alle ignorieren, liest etwas, das mit der Vorlesung nichts zu tun hat, und hat die Füße auf die Bank gelegt (!), um zu signalisieren, dass sie sich hier wohlfühlt, wie in ihrem eigenen Wohnzimmer … Hm, war das etwa ein Schnarchen?

Endlich vorbei!

Nach den zwei Stunden sind alle müde vom krampfhaften Nicht-Zuhören. „Das war aber langweilig“, höre ich eine Stimme hinter mir. „Ja“, antwortet der Gesprächspartner, „der Dozent hat so lustlos auf mich gewirkt“. Nur am Keks und der Spinne ist all dies spurlos vorbeigegangen.