LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Die Erfahrung des Erhabenen | Meine Lebensphilosophie

Aus der Ferne betrachtet lösen dunkle Gebirgsmassen, tosende Wasserfälle, bedrohlich wirkende Donnerwolken und verschlingende Abgründe zwar keine Furcht aus, jedoch lassen diese Naturgewalten zumindest ein mulmiges Gefühl in uns aufkommen. Trotzdem ziehen solche Eindrücke uns magisch an, wir können uns daran nicht sattsehen und finden auf eine eigene Art Gefallen an der natürlichen Übermacht. Wahrscheinlich sind Sie auch schon einmal ins Staunen geraten, wenn Ihnen imposante Natur begegnete. Vielleicht auf der letzten Wanderung durch die Berge, als Sie nach etlichen erklommenen Höhenmetern auf eine unfassbar majestätisch wirkende Bergkulisse blickten. In dem Moment beeindrucken die Bergmassen nicht wegen ihrer Größe oder ihrer Farbe; es ist dieses eigentümliche Gesamtbild, dieser Eindruck, der in uns ein ganz bestimmtes Gefühl wachruft. Immanuel Kant (1724–1804), Vater des Kritischen Idealismus, beschäftigte sich mit den Bedingungen, durch die Erkenntnis und Erscheinung für uns möglich werden. Dazu verfasste er eine umfassende Theorie, die sich kritisch mit unseren Gemütsvermögen (Sinnlichkeit, Einbildungskraft, Verstand, Urteilskraft, Vernunft) auseinandersetzte und begründete somit den Deutschen Idealismus, der sich als Gegenbegriff zum Materialismus oder Realismus liest. Letztere Theorien gehen von der Wirklichkeit der erfahrbaren Objekte aus, die von uns unabhängig sind. Kant und seine Nachfolger jedoch argumentieren, dass das Erfassen oder Wissen von Objekten außerhalb unseres Bewusstseins nicht möglich ist. Alles, was für uns Objekt ist, ist in uns, dem Subjekt enthalten und gegebenenfalls durch dieses gesetzt.

Nun sind nicht nur erkenntnistheoretische Untersuchungen für Kant von Relevanz gewesen, sondern ebenfalls ästhetische Erfahrungen; Kontemplationen, Betrachtungen, die in der Vorstellung des Subjekts entstehen und in ihm ein eigentümliches Wohlgefallen auslösen. Ein solches Wohlgefallen ist rein, nicht mit persönlichem Interesse oder Zweckabsichten vermengt. In Bezug auf die Erfahrung der majestätischen Bergkulissen erfahren wir das beeindruckende Gefühl jedoch nicht unmittelbar, sondern erst aus einem Gefühl der Unlust heraus. So empfinden wird zunächst gegenüber der Naturgewalt unsere eigene Nichtigkeit, wir erahnen unser verschwindendes Dasein, so klein, so sterblich, so vergänglich, als winziges Glied des Planeten wenig von Bedeutung. Doch dann, so Kant, wenn wir beim Anblick des Gebirges oder der sich auftürmenden Donnerwolken verweilen, spüren wir ein Gefühl der Erhebung in unserer Brust. Ein eigentümliches Gefühl von Stolz, vielleicht Macht, von Größe und ja, Majestizität. Wir halten auf unserer Wanderung weiter inne und bestaunen gefesselt die atemberaubende, uns fesselnde Natur. Nun sagt Kant, dass das eigentlich Erhabene nicht die Natur ist, sondern unser eigenes Vermögen. In uns liegt das Erhabene; dadurch, dass wir über ein Vermögen verfügen, das uns Freiheit gewährt – nämlich unsere Vernunft. Zwar sind wir durch unsere Körperlichkeit den Naturgesetzen unterworfen, der Schwerkraft, der Kausalität, der Zeitdauer – und somit in der Naturordnung tatsächlich eher wenig einflussreich. Doch denken können wir! Wir können uns von Naturgesetzen unabhängig denken, unsere Entscheidungen frei wählen, lernen, uns weiterentwickeln und vor allen Dingen – das Gute als das moralische Prinzip der Menschheit denken. Nun ist das unsere Kraft, die uns die Naturerfahrung übersteigen lässt. Die Fähigkeit zur Freiheit von empirischer Beschränkung ist in der sinnlich-vernünftigen Disposition des Menschen enthalten – sodass das, was wir wirklich als majestätisch wahrnehmen, unsere eigene übersinnliche Kraft ist, die wir dank der zunächst einschüchternden Erfahrung der Naturgewalten entdecken.

Metaphorisch gelesen geht es hier auch um Überwindung, um das Loslassen von Triebhaftigkeit und sinnlicher Neigung. Primär meint dies, das Handeln aus bloß persönlichem Interesse und eigenen Vorlieben: Haben wollen, Macht ausüben, Gier, Gewalt, Vergnügen. Als sinnliche Subjekte haben diese Momente einen erheblichen Einfluss auf unser Verhalten, welches ein Blick in das Weltgeschehen mehr als nur bejahen kann. Allerdings sind wir auch fähig, unabhängig davon zu handeln. Die wahrhaft gute, vernünftige Handlung ist eine, die unabhängig von einzelnem Interesse ausgeführt wurde, nur wegen des Höchsten Gutes selbst. Das Höchste Gut ist grob umrissen bei Kant das, was für alle Menschen den höchsten Wert besitzt: das Glückselige als das moralisch Einwandfreie.

Vor allen Dingen interessiert hier, dass die Erfahrung des Erhabenen ästhetisch zum Ausdruck bringt, dass dem ständigen Eigeninteresse entsagt und auf seine Anlage zur Intelligibilität aufmerksam gemacht werden kann. Diese auch zu nutzen und Entscheidungen und Handlungen dadurch zu prüfen, ist für Kant die grundlegende Bedingung dafür, dass die Menschheit irgendwann in einer friedvollen Gemeinschaft zusammenleben und -bestehen kann.

Das Loslassen vom egoistischen Ich und die Überwindung von sich selbst auferlegten Beschränkungen ist das, was mich an der Thematik des Erhabenen besonders interessiert. Dies, um seine Fähigkeiten und Freiheit, die eben gerade nicht im Befriedigen von jeglichen egozentrischen Bedürfnissen liegt, zu entdecken. Es beschreibt sich dadurch eine Abkehr vom abgespaltenen Ego hin zur freien moralischen Person, zum allgemeinen Zusammen, zum wahrhaft Einen. Natürlich schmerzt es zunächst, sich aus der Komfortzone herauszubewegen und es geht wider unsere Triebe, nicht zunächst die eigenen Interessen zufriedenzustellen. Jedoch geht es nicht anders, wenn tatsächlich für ein gemeinsames Wohl gekämpft und gelebt werden soll. Beispiele hierfür finden Sie in der Aktualität genug: euphemistische Klimapakete, heuchlerische Friedensgespräche vor verdeckten Waffenlieferungen, die Vorrangstellung wirtschaftlicher Interessen vor humanitären Problemen, die Liste ist lang. Doch auch jeder Mensch hat sich schnell in seiner eigenen Bequemlichkeit verkrustet, die ihn an der eigenen Weiterentwicklung oder dem Beitrag zur angestrebten Verbesserung hindert. Dass wir Menschen der Verbesserung fähig sind und alles in uns tragen, dessen wir bedürfen, um diese auch wirklich werden zu lassen, und dass es nur die Überwindung ist, die dazwischensteht, lässt mich hoffen, ja treibt mich an. Die wahre Erhabenheit liegt in uns selbst wusste schon der alte Kant zu sagen und sie zu entdecken, ist von einem reinen, das Gemüt bewegenden Wohlgefallen begleitet. Vielleicht denken Sie bei der nächsten Wanderung ja an diese Theorie. Auf jeden Fall schildert sich so meine eigene, persönliche Lebensphilosophie, die ich Ihnen in dieser, bis auf Weiteres letzten Kolumne nicht vorenthalten wollte. Ich bedanke mich herzlich bei allen interessierten Lesern und hoffe, dass ich Ihnen ab und an einen kleinen Denkanstoß bescheren konnte.