LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Wenn alles zu viel wird

Piep. Piep. Piep. Nein, ich habe mir keinen Kanarienvogel angeschafft, ich sitze in Trier in meiner Wohnung und will – piep – arbeiten. Konzentrieren kann ich mich nicht, weil – piep.

Für einen Moment dachte ich, es piept nur in meinen Gedanken. Es piept nun zwar auch wirklich, in der Außenwelt, also akustisch, genau alle 30 Sekunden. Aber in meinem Kopf ist es lauter und allgegenwärtig.  Meine Rübe lauert förmlich auf das – piep – und gibt auch dann keine Ruhe, wenn ich Ohrstöpsel trage. Sie befiehlt meinen Ohren, zu lauschen, ob sie nicht doch etwas hören. Hallo Kühlschrank, Ruhe jetzt, ich muss mich doch konzentrieren. Lieber Leser, hilf mir doch: Ist es noch da?

Der stumme Schrei

Mein Puls rast. Geräusche machen mich wahnsinnig. Also nicht die Geräusche selbst, sondern zu wissen, dass es sie gibt und irgendwo herkommen. Ich spaziere durch den Flur, halte mein rechtes Ohr mal gegen diese, mal jene Wohnungstür. Ich verrate lieber nicht, was ich da alles höre ... Aber dann, endlich, habe ich die Quelle des Piepens ausfindig gemacht: Es ist der Rauchmelder meines Nachbars, dessen Batterien fast leer sind. Also die vom Rauchmelder. Sie werden ausgetaucht, die akustische Stille ist wiederhergestellt. Ich kann wieder atmen!

Ich setze mich an meinen Schreibtisch, klappe das Laptop auf und – mein Magen knurrt. Dann folgten anscheinend mehrere Sekunden, an die ich mich nicht erinnere, denn im nächsten Moment sitze ich da, mit meinem Handy. Chefkoch.de, was will ich denn da? 3.871 Ergebnisse für Brokkoli-Rezepte. Ich bin erst bei Nummer 211 angekommen. Und es sind schon 13 Minuten vergangen. Schnell das Handy weglegen! Aber es wird ja wohl erlaubt sein, mir ganz schnell noch auf Pinterest anzusehen, wie Brokkoli-Gerichte so aussehen können?!

Oh Nein, war das etwa wieder ein – ich trau mich gar nicht, es auszusprechen – Piepen? Wieder gehe ich in den Flur. Da ist nichts. Ich gehe wieder hinein, erblicke das blitzende Smartphone-Licht und weiß jetzt, dass das Piepen sein Ruf war, nach mir, seiner Mama, und ich mich um es kümmern muss. Was es wohl braucht? Will es mit Posts und Fake-Likes gefüttert werden – Sie erinnern sich vielleicht – oder muss ich die Handyhülle wechseln? Nein, ich tue nichts von alledem, ich wiege es jetzt langsam in den Flugmodus.

Zu viel Input

Ich muss mich ablenken. Sport hilft bestimmt! Ich gehe ins Fitnessstudio. Mein Laufband macht viel Krach. Ich höre Musik, um es zu übertönen, starre auf sechs große Flachbildschirme gleichzeitig und drei Uhren, die drei unterschiedliche Zeiten anzeigen. Es laufen vier Personaltrainer an mir vorbei. Ich blicke mich um, jeder trainiert wie in Trance an einem anderen Gerät, es ist ein unruhiges Bienenstock-Gewimmel und Gezappel. Überall sehe ich XXL-Kopfhörer, Blumen-Print-Leggings, Neon-Turnschuhe, nackte Solariumhaut, Make-up, Tattoos, und ihren Schwabbelbauch-der-im-richtigen-Winkel-wie-ein-Sixpack-aussieht-Abfotografierer. Zu viele Menschen sind hier, zu viel Farbe, zu viele Geräuschquellen, zu viel Konformitätsdruck. Nein, das schaffe ich heute nicht! Beim Hinausgehen will man mir einen Proteinshake anbieten. Ein Vanillearoma-Piepen strömt mir in die Nase. Ich niese. Überall dieses visuelle und olfaktorische Piepen. Ich muss hier weg! Ab zum Frustshoppen!

Einkauf als Grenzerfahrung

Ich brauche noch Milch. Mal sehen. Es gibt Kuh- und Ziegenmilch, Kokos-, Reis- und Hafermilch, Mandelmilch geröstet mit Zucker, geröstet ohne Zucker, ungeröstet mit Zucker und ohne alles, Cashewmilch, geröstet und ungeröstet, mit und ohne Zucker, Sojamilch Natur, Soja-Vanille, Soja-Schoko, nicht zu vergessen Lupinen- und Hanfmilch, alles von je drei Marken. Die Zeit rinnt mir durch die Finger. Ich stehe schon seit 20 Minuten im Milchregal. Ich suche nach der preiswertesten Variante mit den meisten Proteinen, dem wenigsten Fett, dem wenigsten Zucker, den meisten Nährstoffen, den wenigsten Zusatzstoffen. Ich wecke mein Handy aus dem Flugmodus auf, google nach der gesündesten Milch, öffne die Taschenrechner-App und versuche, einen Algorithmus zu entwickeln. Ich stoße auf Widersprüche. Zu viele Widersprüche, zu viel Auswahl, zu viel Stress. Diese Welt ist nichts für Menschen wie mich, die sich nicht entscheiden können!

Ich gebe es auf. Ich nehme den Bus, fahre nach Hause, höre simultan Wortfetzen aus sechs verschiedenen Gesprächen, nebenbei lese ich die Fettdruck-Leuchtschrift-Werbeslogans im Bus, auf Ansteckspins, Plakaten, Schildern und in den sozialen Netzwerken, lese ein Buch und schreie in mein Telefon, um beim äußerst dringenden Telefonat gegen die unerträglich hohe Lautstärke in meinem Kopf anzukommen. Modernes Multitasking halt: Alles gleichzeitig machen und nichts so richtig. Ich komme nach Hause, mit dem Bewusstsein, heute sehr viel rezipiert, wahrgenommen, aber nichts geschafft zu haben, will mich endlich zur Ruhe setzen, atme tief ein und - piep.

Literaturtipp

So sieht an vielen Tagen unser Alltag aus. Einen ultimativen Tipp, wie man dem „Zuviel“ entfliehen kann, habe ich leider nicht. Ich verweise aber gern auf Erling Kagges inspirierendes Buch mit dem Titel „Stille“, das in der deutschen Übersetzung im Insel Verlag erschienen ist. Die absolute, mehr als nur akustische Stille, so lautet die Botschaft, ist in unserer Welt ein viel zu seltenes Gut geworden. Mir persönlich hilft das Lesen und Schreiben dabei, sie zurückzugewinnen.