LUXEMBURG
PIERRE WELTER, FREIER JOURNALIST

Hohe Haftstrafen gefordert: Vier Angeklagte einer „Shoulder Surfing“-Bande sollen einsitzen

Menschen, die mit einer Bank- oder Kreditkarte bezahlen, oder Geld am Bankautomaten abheben, sollten aufpassen, ob ihnen beim Bezahlen oder Geldabheben jemand über die Schulter schaut: Seit Mittwoch beschäftigen sich die Richter der 13. Strafkammer mit vier Mitgliedern einer algerischen Bande, die sich wegen mehreren Delikten im Zusammenhang mit „Shoulder Surfing“ vor Gericht verantworten müssen. Es wird nicht ausgeschlossen, dass die Angeklagten „höchstwahrscheinlich“ einem gut organisierten „Netzwerk“ angehören, das sich auf Kreditkartendiebstahl spezialisiert hat - ein diesbezüglicher Beweis konnte nicht vor Gericht erbracht werden. Die Taten jedenfalls waren sehr sorgfältig vorbereitet.

Den vier Männern wird vorgeworfen, in den Jahren 2016 und 2017 hauptsächlich in einer bekannten Bar in der Hauptstadt Kunden beim Bezahlen an der Theke über die Schulter geblickt zu haben - mit dem Ziel, den PIN-Code zu erspähen. Später sollen sie ihre Opfern auch in anderen Bars und Diskotheken aufgelauert und ausgespäht haben.

Die Methode ist nicht neu, aber der ergaunerte Betrag ist bislang wohl einmalig hoch. Wie der Ermittler berichtete, hätte sich die Bande bei ihren Raubzügen den Alkoholrausch verschiedener Opfer zunutze gemacht, hieß es. 25 Taten listet die Anklageschrift auf. Es dürfte sich um einen Betrag von rund 33.627 Euro handeln, den die Männer im Laufe der Diebestouren erlangten. Die Angeklagten gingen nach zwei Methoden vor. Klappte das „Shoulder Surfing“ nicht, ging die Bande spontan zu der klassischen Methode über, indem sie die Bank- oder Kreditkarten einfach aus Handtaschen oder Portemonnaies klauten. Sie wussten, dass es Menschen gibt, die ihren PIN-Code auf einem Zettel - oft samt Karte - aufbewahren.

Drei der vier mutmaßlichen Tätern sitzen seit dem 22. Juni 2017 in der Justizvollzugsanstalt in Schrassig in Untersuchungshaft. Der Vierte von ihnen ist auf freiem Fuß und steht unter richterlicher Aufsicht. In Zusammenarbeit mit ihren Kollegen aus Belgien fanden die Polizisten nach und nach zu den Bandenmitgliedern. Telefondaten belegten, dass die Täter oft dieselbe Strecke zurücklegten: Luxemburg/Stadt- Steinfort-Arlon. Am 22. Juni 2017 konnten dann drei Bandenmitglieder in Arlon verhaftet werden. Der vierte mutmaßliche Täter wurde 2017 von Frankreich nach Luxemburg ausgeliefert.

Von der eigenen Frau identifiziert

Laut Ermittler und Staatsanwaltschaft steuerten zwei Hintermänner die Sache mit den Kreditkarten. Den mutmaßlichen Tatbeteiligten konnte die Polizei aber bislang nicht habhaft werden. Sie machten sich rechtzeitig aus dem Staub, konnten aus Luxemburg fliehen.

Inmitten einer ziemlich verbissenen richterlichen Befragung am Donnerstag durfte dann aber noch gelacht werden. Dafür sorgte der Angeklagte Mehdi M., der vor der Richterin eingestehen musste, von seiner eigenen Frau in einem Video identifiziert worden zu sein - und dass er sich auf Facebook großspurig als Rechtsanwalt und „Vorstandsvorsitzender von Wallendorf“ ausgegeben hatte.

Zug um Zug versuchten die Verteidiger Pim Knaff, Maître Denise Parisi und Maître Lisa Schuller, die Argumente der Staatsanwaltschaft zu zerpflücken. Knaff sprach von „zufälligen Umständen.“ Der Anwalt ist der Meinung, dass der beschriebene Sachverhalt für die Annahme einer kriminellen Vereinigung nicht ausreicht und beantragte eine Strafe auf Bewährung. Die Freiheitsstrafe soll aber die Zeit, die sein Mandant in Untersuchungshaft verbracht hat, nicht überschreiten. Maître Parisi verteidigt die zwei Angeklagten Mehdi M. und Billel K.. Die Verteidigerin ging in ihrem Plädoyer noch weiter und meinte sogar, dass eine sichere Identifizierung der Personen auf verschiedenen Fotos kaum möglich sei. Ihre beiden Mandanten könnten nicht aufgrund einer bloßen Verdachtslage verurteilt werden, erklärte die Verteidigerin weiter und siebeantragte Freispruch. Was die Bildung einer kriminellen Vereinigung angeht, hielt Maître Parisi sich an das gleiche Argument wie Knaff.

120 Minuten benötigte die Anklagevertreterin für ihre Ausführungen. Der Fall gehöre zur grenzüberschreitenden organisierten Kriminalität. In allen Fällen seien die Straftatbestände wie kriminelle Vereinigung, Diebstahl, Hehlerei objektiv erfüllt, so die Staatsanwaltschaft, die für drei Angeklagten Haftstrafen von vier, fünf und sechs Jahren sowie 18 Monate für den Angeklagten, der sich unter richterlicher Kontrolle befindet, forderte. Entsprechende Geldstrafen sollen für jeden Angeklagten dazu kommen. Ausgeschlossen sind für alle Bewährungsstrafen. Für den Angeklagten Mohamed O., der unter 20 verschiedenen Alias-Namen aktenkundig ist, beantragte sie für eine - von acht - Straftat einen Freispruch.

Das Urteil ist für den 24. Februar vorgesehen.