LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Prof. Nicolas Guelfi ist der erste Programmdirektor des neuen „Bachelor in Computer Science“an der Uni, der anders als herkömmliche Informatik ganz auf Digitalisierung setzt

Als die Aufzugtüre aufgeht, steht er schon da und lächelt. Prof. Nicolas Guelfi ist ein Mann der Tat. Bevor er Zeit verliert, weil die Besucher sich in den Gängen erst zu Recht finden müssen, holt der IT-Spezialist und Universitätsprofessor sie lieber selber ab.

Guelfi ist schon lange an der Uni; seit 1999. „Ich war der erste Professor, der nach der Reform von 1996 für die Hochschulbildung wie auch für die Forschung an der Universität Luxemburg rekrutiert wurde“, erinnert er sich. Zuvor hat der Informatiker eine Wissenschaftskarriere in Frankreich und der Schweiz gemacht und wurde zum IT-Experten beim Gericht in Luxemburg.

Doch jetzt treibt ihn die technische Entwicklung um - und der „BiCS“. Hinter dem Kürzel steckt der „Bachelor in Computer Science“, den Guelfi mit seinen Kollegen entwickelt hat. Hier erklärt er, warum er den neuen Abschluss geschaffen hat, was daran so innovativ ist und wieso dieser jetzt schon zur Weltspitze gehört.

Herr Prof. Guelfi, Sie haben den „Bachelor in Computer Science“ aus der Taufe gehoben. Warum?

Prof. Nicolas Guelfi Die Informatik hat sich ungeheuer verändert. Früher waren das eher Schrauber und manchmal auch Genies. Heutzutage werden die nicht mehr gesucht. Wir haben jetzt die Digitalisierung, die künstliche Intelligenz, Robotik und Internet. Da ist ein anderes, hohes Niveau nötig.

Heute ist nicht mehr nur Technologie gefragt. Informatiker müssen sich auch in Bereichen wie Medizin, Journalismus oder Banken zu Recht finden, denn auch dort spielt Digitalisierung eine große Rolle. Es wird immer wichtiger, mit diesen Systemen umgehen zu können. Heute müssen Studenten eher das Prinzip der Gesichtserkennung verstehen, als das Konstruieren eines Heimcomputers.. Letztere programmieren heute für sie. Das Ziel ist ein Bachelorprogramm auf Weltklasse-Niveau. Es entspricht den internationalen Standards und findet auf Englisch und Deutsch oder Englisch und Französisch statt.

Wie stellen Sie sich denn die Informatiker von morgen vor?

Prof. Guelfi Sie haben mit denen von heute nichts mehr zu tun! Sie müssen kreativ sein, aber auch wissenschaftlich arbeiten können und digitale Technologien verstehen.

Einige Beispiele: Es gibt Kleider, die den Gemütszustand ihrer Träger feststellen, Nanoroboter, die Tetanus-Viren lokal mit 300 Grad Celsius den Garaus machen oder Kontaktlinsen, die gleichzeitig Sonnenbrille und Bildschirm sind. Aber wir haben Probleme, das Bild des bastelnden Informatikers in den Köpfen zu ändern; vor allem bei Mädchen. Das merke ich bei Schulbesuchen immer wieder.

Warum schafft die Universität noch einen Abschluss, obwohl es schon so viele gibt?

Prof. Guelfi Es stimmt zwar - aber das ist häufig von gestern. In den USA und den Rest der Welt gibt es sehr viele Studiengänge, aber nur sehr wenige haben diesen Ansatz der Digitalisierungswissenschaften und deren Lehre, die wir in Luxemburg entwickeln möchten. In den USA beispielsweise gibt es sehr viele Absolventen, aber nur sehr wenige, die Ahnung von Digitalem haben. Dazu gibt es große Probleme mit der Orientierung. Es gibt auf dem Arbeitsmarkt einen ungeheuren Bedarf an digital geschulten Informatikern, der bei rund dem dreifachen der Absolventen liegt. In den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften ist die Relation umgekehrt. Allein in Luxemburg werden jedes Jahr rund 500 IT-ler der neuen Generation benötigt. Aber wir haben nur 30 mit Bachelor- und vielleicht 25 mit Masterabschluss. Im Vergleich mit anderen Anbietern bieten wir die beste Ausbildung. Das liegt auch am Betreuungsschlüssel. Vor allem Studierende aus Deutschland bestätigen uns immer wieder, dass es eine solche Nähe dort aufgrund der Masse nicht gibt. Im Rahmen unserer Ausbildung verfolgen wir sehr genau, wie die Studenten die Leistung und Pädagogik beurteilen - und reagieren darauf. Darüber hinaus arbeiten wir mit Firmen, wie Neobuild, Adecco, CTG oder Escher Klinik zusammen, die es den Studenten ermöglichen, dort an konkreten Projekten mitzuarbeiten. Wenn Sie beispielsweise auf Youtube „FarmBot“ eingeben, sehen Sie einen Gartenroboter, der für autonome Dachgärten programmiert wurde und Gemüse unter Beachtung der Fruchtfolge aussät. Solche Projekte machen den Studenten Spaß.

Warum bilden Sie nicht mehr Studenten aus?

Prof. Guelfi Der ideale Studiengang zur Ausbildung eines Ingenieurs in den Digitalisierungswissenschaften für Luxemburg würde 280.000 Euro pro Student kosten. Das Budget der Universität muss jedoch auf die drei Fakultäten verteilt werden; dazu gibt es noch politische Wünsche wie einen „Master in Space“. Mein Traum wäre eine semi-private Schule, eine „Ecole Numérique“, die rund 150 Absolventen pro Jahr ausbildet. Aber das kostet 20 Millionen Euro pro Jahr. Das können wir nur mit Partnern aus der Privatwirtschaft machen. Zum anderen müssen wir natürlich auch Schüler dafür interessieren. Wir brauchen mehr Studenten, die wir auf morgen vorbereiten.
Welches Profil sollen die Studenten denn haben?

Prof. Guelfi Wir brauchen Leute mit einem Abschluss auf dem klassischen Lycée. Deshalb war ich gezielt an Schulen in Luxemburg und habe dafür geworben. Was wir gerade nicht wollen, sind Schüler mit einem technisch orientierten Abschluss. Wir brauchen keine PC-Spieler, Konsolenfreaks oder klassischen Informatiker. Wichtig sind vor allem die Qualität und die Motivation der Studenten, wobei letztere den höchsten Koeffizienten bei der Auswahl hat. Um diese Leute anzuziehen, arbeiten wir auch eng mit den Ministerien zusammen. Und wir veranstalten ein großes Quiz am 5. Mai mit vielen tollen Preisen. Schließlich wollen wir die Besten haben. Derzeit liegt der Notendurchschnitt der von uns ausgewählten Bachelor-Studenten bei 16 von 20 Punkten. Die Motivation hat einen höheren Koeffizient.

Gerade in Luxemburg interessieren sich viele Schüler eher für Psychologie. Wie begeistern Sie die?

Prof. Guelfi Ich zeige Ihnen Videos, in denen etwa 3-D-Nahrung gedruckt wird oder eine Musikgruppe aus Robotern auftrifft - alles Dinge, die heute mit Digitalisierung zu tun haben. Manchen macht das Angst. Aber ich erkläre dann, dass es ist wie immer im Leben: Wir können etwas annehmen und kreativ damit umgehen -oder nicht. Wir sollten jedoch aufpassen, dass wir die positiven Aspekte nicht außer Acht lassen. Darüber hinaus haben wir einen sehr guten Ruf. Laut „Times Higher Education“ liegt die Universität Luxembourg in der Informatik auf dem 78. Platz von tausend Universitäten weltweit. Wer hier war, kann ohne Probleme an einen Masterstudiengang in der „City University of London“ oder an die Züricher ETH wechseln - oder hier bleiben. Denn ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass das Studium hier nichts kostet. In Großbritannien dagegen können schnell 8.000 bis 10.000 Pfund Sterling im Jahr fällig werden. Darüber hinaus hat Luxemburg ein tolles Umfeld für Gründer. Manche motiviert dies, wieder nach Luxemburg zurückzukehren, um zu promovieren.