LUXEMBURG
NOÉMIE LAPLANCHE/LJ

30.000 Klicks, ein Prozess und ein Sieg für die künstlerische Freiheit- Turnup Tun im Interview

Tun Tonnar, einigen wahrscheinlich besser bekannt unter dem Künstlernamen Turnup Tun, war in den vergangenen Wochen wegen des Lieds mit dem provokativen Titel „FCK LXB“ eine der am meist diskutierten Personen in der Presse. Zur Erinnerung: Im Text des Songs, der vier Tage vor den letzten Parlamentswahlen veröffentlicht wurde, heißt es unter anderem „féck den Dan Schmitz “, „féck de Joe Thein“ und „féck de Fred Keup“, weshalb die drei Klage wegen Beleidigung einreichten. Die Richter beriefen sich aber auf die künstlerische Freiheit und sprachen den jungen Musiker frei. Im Interview erzählt er, wie er diese Zeit erlebt hat und was sein Prozess für die Kulturszene Luxemburgs zu bedeuten hat.

Den Namen Turnup Tun kann man zurzeit fast überall in den Medien lesen und hören. Aber wer bist Du eigentlich?

Tun Tonnar Mein Name ist Tun Tonnar, und ich bin 25 Jahre alt. Ich habe drei Jahre lang in der Schweiz auf Lehramt studiert und lebe heute in Berlin, wo ich mein Studium in der Musikproduktion absolviere. Den größten Teil meiner Zeit widme ich der Musik: Ich rappe unter dem Namen Turnup Tun und in der luxemburgischen Band Räpzodi. Zudem drehe ich Filme, die ich selbst schreibe, produziere und schneide.

Ist Dein Künstlername ein Alter Ego, hinter dem Du Dich verstecken kannst?

Tun Verstecken tue ich mich auf jeden Fall nicht. Luxemburg ist recht klein, und die Leute kennen mich sowohl unter meinem richtigen Namen als auch unter dem Künstlernamen. Dieser gehört einfach zu mir. Turnup Tun zeigt eine andere Facette von mir als Musiker, Produzent oder Filmemacher, und trotzdem: Das, was Turnup Tun sagt, würde Tun Tonnar auch sagen.

Aktuell liest man Deinen Namen hauptsächlich wegen Deines Songs „FCK LXB“. Für viele Menschen ist bereits dieser Titel reine Provokation. Doch worum geht es eigentlich?

Tun Im Lied behandele ich eine Facette von Luxemburg, für die das Land meiner Meinung nach nicht stehen sollte. Es ist die Facette, die man unter anderem im Internet wiederfindet, wo viele Menschen ihrem Hass freien Lauf lassen und man immer wieder auf rassistische Kommentare stößt. Das Luxemburg, welches ich kenne, ist jedoch weltoffen und schön, und die Leute, denen es gut geht, helfen den Hilfsbedürftigen. In meinem Lied kritisiere ich die andere Seite Luxemburgs, die Seite des Fremdenhasses, des Rassismus, des Egoismus und anderes.

Fazit Deines Liedes: fast 30.000 Klicks und ein Prozess. Wie würdest Du Deine vergangenen Wochen in drei Wörtern resümieren?

Tun Stressig, produktiv und angespannt. Tagsüber habe ich viel gearbeitet, unter anderem an neuer Musik. Wenn ich meine Energie in solche Projekte gesteckt habe, konnte ich den ganzen Stress um den Prozess eigentlich gut vergessen. Sobald ich jedoch abends im Bett lag, kamen die Gedanken wieder hoch. Das war sehr anstrengend, vor allem weil ich nicht wusste, wie der Prozess ausgehen würde: Nach dem Gerichtstag hatte ich ein schlechtes Gefühl. Zum Glück ist soweit alles gut ausgegangen.

Inwiefern ist dieser gewonnene Prozess ein Sieg für die luxemburgische Kultur?

Tun Es ist in dem Sinn eine Chance, weil die Kunst im Land nicht zensiert wurde. Oder andersrum: es wäre eine Niederlage für die Kulturszene gewesen, wenn man mich verurteilt hätte. Dass der Staat glaubt, dass ein solches Lied keine Kunst, sondern strafrelevant ist, finde ich sehr besorgniserregend. Hier liegt meiner Meinung nach der eigentliche Skandal. Schade, dass so ein Song hier solche Wellen schlagen muss. Vielleicht regt die ganze Polemik jedoch auch etwas bei anderen luxemburgischen Künstlern, die sich jetzt trauen, kritischer zu werden. Manchmal denke ich, dass die Kunst hier oft noch zu glatt und brav ist. Das ist auch in Ordnung so, jedoch denke ich, dass es vor allem in unseren heutigen Zeiten, wo der Rechtspopulismus immer größer wird, wichtig ist, dass die Leute und vor allem die Künstler kritisch werden und die Menschen darauf aufmerksam machen.

Sind wir mal ehrlich: Als Künstler konntest Du doch auch von diesem Prozess profitieren...

Tun Klar war der Prozess irgendwo eine gute Werbung für mich, aber eine verdammt teure! Ich möchte auch nicht, dass ich jetzt immer mit diesem Thema konfrontiert werde. Ich habe nie für diese Aufmerksamkeit in der Form gefragt. Es ist sowieso seltsam, dass es zu einem solchen Prozess kommen muss, bevor die großen Medien einem Künstler hierzulande endlich die nötige Aufmerksamkeit geben. Warum kann man nicht ohne Polemik über die luxemburgischen Künstler reden? Warum muss man als Künstler immer noch so oft bei den Medien nachfragen, ob sie ein Interview machen können oder die Musik im Radio laufen kann? Das muss sich endlich ändern! Die Kunstszene muss mehr gefördert werden, und es soll normal sein, dass luxemburgische Musik im Radio läuft. Dann müsste man sich Sprüche wie „Ach, das klingt ja gar nicht mal so schlecht für Luxemburg!“ nicht mehr anhören. Die luxemburgischen Künstler sollen sich nicht weiter kleinmachen oder -reden lassen. Hoffentlich ändert dieser Prozess auch daran etwas.

Wirst Du in Zukunft eigentlich vorsichtiger vorgehen?

Tun Nö. Ich werde nicht vorsichtiger, da ich mir sowieso im Voraus, bevor ich ein Lied veröffentliche, sehr viele Gedanken mache. Auch bei „FCK LXB“ habe ich mir lange überlegt, ob ich das Lied rausbringen soll oder nicht. Das habe ich dann doch gemacht, weil ich denke, dass es mein gutes Recht ist. Nein, ich mache meine Musik so weiter, wie ich möchte. Klar ist jedoch, dass in Zukunft nicht jedes meiner Lieder politisch oder provokativ sein wird. Wer das jetzt hofft, soll weiter „FCK LXB“ hören.

Welche sind Deine zukünftigen Projekte?

Tun Ich arbeite gerade an einem Turnup Tun Solo-Album, welches voraussichtlich im November herauskommt. Ich versuche alles, was ich in Berlin lerne, anzuwenden und das bestmöglichste Projekt zu machen. Ich werde es auch erst dann herausbringen, wenn es perfekt ist. Zudem arbeite ich sehr viel mit anderen Künstler, mit denen auch internationale Projekte anstehen. Und wir arbeiten gerade an einer neuen Räpzodi EP.

Artist online: www.facebook.com/turnuptun