LUXEMBOURG
ROMAIN JEBLICK

Kann sich ein Autor, ein Fotograf oder ein Künstler künftig noch eine Bleibe leisten, wenn seine Rechte an seinen eigenen Schöpfungen nichts mehr gelten? Romain Jeblick, der Direktor der „Luxembourg Organization for Reproduction Rights“, liefert die Antwort - und die macht mächtig nachdenklich. 

„Nun ist es wieder vollbracht. Die Politik hat die Lage der Nation beschrieben. Vom sprichwörtlichen Hocker hat diese Übung wohl niemanden gerissen, im Gegenteil. Volkes Meinung war da auf den Wellen des nationalen Rundfunksenders einhellig, aber die zählt ja bekanntermaßen nicht eben viel. Vor allem die wirklich dringenden und drängenden Fragen seien nicht oder nur sehr unzureichend behandelt worden, so Volkes Mund. Durchgehend beklagen vor allem jüngere Bürger etwa die zunehmende Wohnungsnot. Wer im naturschönen Mekka von Weltraumforschung und künstlicher Intelligenz wohnen möchte, muss entweder im Lotto gewinnen oder erben. Durch Arbeit lässt sich das eigene Domizil kaum noch finanzieren. Da muss ein ‚Wohnungspakt‘ her, heißt es seit Jahrzehnten. Doch gibt es einen solchen überhaupt? Hier ist er also, der Klartext dieser Rubrik: Nein, es gibt keinen Pakt! Es gibt nur politische Versprechungen dazu. Gebetsmühlenartig wird an seiner Stelle das Eigentumsrecht mit dem kargen Satz ‚Eigentum verpflichtet‘ verfloskelt. Ein Standardehepaar, das eine bescheidene Hütte erwerben möchte, für sich, seine (zwei) Kinder, eventuell noch für Bello und Miez, soll sich doch bitteschön anstrengen, heißt es. 

Gut, genug lamentiert! Werden wir noch klarer: Ich bin ein junger Landsmann und möchte mit meiner Landsfrau eine Immobilie erwerben. Allerdings möchte ich keine künstliche Intelligenz programmieren, da ich bereits eine, wenn auch begrenzte, natürliche besitze, nicht Lotto spielen, kein Erbschleicher sein und überhaupt kein Parasit. Deshalb muss ich meine Euros anders erarbeiten, mit der Produktion dieses Zeitungsartikels etwa. Diesen muss ich dann verkaufen, und viele solcher Artikel schreiben, sehr viele, und alle verkaufen. Sie werden es ahnen, das wird nicht reichen, ich muss auch noch Bücher produzieren, Computercodes, Bilder, Musik, Baupläne, Filme... Doch auch an dieser Stelle spendet der ‚Etat de la nation‘ wenig Trost: Mein Urheberrecht gilt (fast) nichts mehr im X.0-Nirwana, Informationen müssen frei verfügbar sein und vor allem gratis. Google, Facebook & Co schlucken meine Anstrengungen, machen riesige Gewinne damit, die sie nicht einmal versteuern müssen. ‚Innovativ‘ heißt ein solches Geschäftsmodell dann.

Wir können unser Häuschen also vergessen und werden wie Demokrit von Sidon in einer Tonne leben. Allerdings werden wir keine Steuern und Sozialabgaben mehr zahlen müssen, das werden in Zukunft selbstfahrende Autos übernehmen. Vielleicht haben Sie ja jetzt das Bedürfnis, ein weiteres ‚Produkt‘ meiner bescheidenen natürlichen Intelligenz zu erwerben, und mir dafür dann doch ein paar Euros zu überlassen. Dann könnten wir wenigstens die Farbe bezahlen, um unser Fass anzustreichen. Nicht umsonst ist der Welttag des Buches und des Urheberrechts (23. April) u.a. Miguel Cervantes gewidmet, der die Figur des traurigen Ritters Don Quixote erschaffen hat. Ich fühle mich diesem seelenverwandt, kämpfe täglich gegen Windmühlen, Amazonen und Zuckerberge, bin aber deshalb nicht wirklich traurig.

Im Oktober werde ich einen Roboter wählen. Der wird mir bestimmt gnädig einen Obulus für meine Kopfarbeit überlassen, denn er ‚weiß‘, dass seine künstliche Intelligenz durch meine (bescheidene) natürliche entstanden ist.“