SINTRA
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Wirtschaftswissenschaftler zweifeln an Draghis Vorhaben

Die Pläne von EZB-Chef Mario Draghi zur Lockerung der Kreditvergabe im Euroraum dürften nicht allzu leicht zu verwirklichen sein. Der Präsident der Europäischen Zentralbank will die Kreditvergabe an die Wirtschaft in Gang bringen, indem er den europäischen Markt für forderungsunterlegte Wertpapiere wiederbelebt. Damit riskiert er jedoch einen völlig neuartigen Eingriff in das Funktionieren des Finanzsystems, der nach hinten losgehen könnte, warnen Wirtschaftswissenschaftler, darunter der ehemalige stellvertretende Chef der Bank of England, Paul Tucker. Rund eine Woche vor der nächsten zinspolitischen Sitzung der EZB, auf der die Notenbank die Zinsen weiter senken dürfte, tagten Vertreter von Notenbanken und Wissenschaftler im portugiesischen Sintra, um über aktuelle Notenbankentwicklungen zu beraten. Draghi unterstützt Maßnahmen wie negative Einlagenzinsen, Liquiditätsspritzen und großvolumige Anleihekäufe. Am Montag erklärte er, der Ankauf von verbrieften Krediten könnte die Belastung der Konjunktur verringern.

„Es macht den Eindruck einer strukturellen Maßnahme für ein temporäres Problem“, sagte Mathias Dewatripont, Professor für Volkswirtschaft an der Université Libre de Bruxelles und Mitglied des Aufsichtsgremiums der EZB. „Wir sollten Wege finden, dass das nicht außer Kontrolle gerät.“

Während die Umfrage der EZB zum Kreditgeschäft zeigt, dass die Konditionen für neue Kredite sich im ersten Quartal stabilisiert haben, geht die Kreditvergabe an Unternehmen und private Haushalte seit annähernd zwei Jahren zurück.

Draghi will ABS-Verbriefungen ankurbeln

Die Geldpolitiker, die ein Maßnahmenpaket gegen eine anhaltend niedrige Inflation entwickeln, prüfen den ABS-Markt als eine Möglichkeit, die Kreditvergabe der Banken an kleinere Unternehmen zu fördern, bei denen sich die risikoscheuen Banken sonst zurückhalten. Bei den sogenannten ABS (Asset-Backed Securities, also forderungsbesicherte Wertpapiere) werden mehrere Kredite in einem Wertpapier verbrieft und dann an Investoren verkauft. Die Banken reichen das Ausfallrisiko damit teilweise weiter, was die Kreditvergabe fördert.

Draghi zeigte sich optimistisch, dass der ABS-Markt in Europa innerhalb eines Jahres wiederbelebt werden könnte, vorausgesetzt, die Aufsichtsbehörden reduzieren das Risikokapital, das Banken für solche Anlagen in ihrer Bilanz vorhalten müssen. „Bestimmte rechtliche Änderungen müssen durchgeführt werden“, erklärte der EZB-Chef am Dienstag auf einer Podiumsdiskussion in Sintra.

Regeln sollen gelockert werden

Heute werden die EZB und die Bank of England ein gemeinsames Dokument zur Verbriefung veröffentlichen. Im April hatten die beiden Zentralbanken bereits ein Dokument veröffentlicht, in dem sie den Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht und andere Aufsichtsbehörden aufforderten, Regeln zu lockern, die derzeit den Markt für „qualitativ hochwertige“ Verbriefungen beeinträchtigen. Nach Auffassung der Notenbanken sollten die in den vergangenen Jahren beschlossenen Vorschriften zur Sicherung des Finanzsystems nicht einen Weg zur Förderung der Kreditvergabe blockieren.

Die Aufsichtsbehörden befürchten jedoch nachteilige Folgen, da die komplizierte Struktur einiger Produkte das wahre Risiko der verbrieften Forderungen verschleiern kann. Ebendies war bei der US-Subprime-Krise passiert.

Eine weitere von Draghi angesprochene Möglichkeit wäre der direkte Kauf solcher Wertpapiere durch die EZB. Ein Plan zum Ankauf von ABS könnte bei der EZB zu einem Interessenkonflikt führen, weil die Notenbank dann zu eng mit einer bestimmten Art von Finanzinstrument assoziiert werde, sagte Martin Hellwig, Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn.