LUXEMBURG
LUC SPADA

2006 veröffentlichte Jan Delay sein Album „Mercedes-Dance“ und darauf ist ein Song zu hören, der sich „Plastik“ nennt. Eines der Lieder, die sich immer wieder als Ohrwurm einschleichen: „Ja, die Menschen ohne Seele kaufen Dinge ohne Seele / kaufen Plastik und sie denken, sie lösen damit all ihre Probleme / Mit dem Plastik“. Zum Text gibt es groovy Musik und die geht in etwa so: Bodum Bodum Bodum Bum. Ah, jetzt in diesem Moment, wo ich den Text schreibe, spielen die dafür vorgesehenen Synapsen, körperintern quasi, die entsprechenden Klänge ab. Die näselnde Stimme, die ja an und für sich schon sehr nach Plastik klingt, auf jeden Fall stelle ich mir singenden Plastik genauso vor, wenn der Kunststoff denn singen könnte, was er aber leider oder glücklicherweise nicht kann.

„Du bist vielleicht ganz schön / Aber du bist aus Plastik“ dudelt der Ohrwurm weiter vor sich hin. Ich sitze im Warteraum des Physiotherapeuten. Es läuft das, was ich glaube, allgemein als chillige, beruhigende und ausgeglichene Musik zu bezeichnen ist. Es gibt kaum etwas, das mich mehr auf die Plastikpalme, die rechts in der Ecke apathisch und tot, was sie eben ist, steht, außer der Plastikpalme selbst, bringen kann.

Ich schaue sie an, im Hintergrund die passiv-aggressive Musik, sie schaut nicht zurück und rechts von dieser Pflanze eine kleine Tafel, die mit der Aufschrift „Welcome“ versehen ist. Ich fühlte mich wahnsinnig unwillkommen. Ist das Zynismus? Ist der Physiotherapeut ein böser Mensch?

Mit einem Lächeln, das mich an die Plastikpalme erinnert, bittet mein Physio mich in seinen Praxisraum. Mein Blick bleibt auf einem flaschenähnlichen Ding stehen, das tatsächlich aus, wenn auch besonders hartem, Plastik besteht, und das Ding ist mit Wasser gefüllt. Der Physio bemerkt meinen Blick und erklärt, dass das Ding und der Fisch, der darin sein bescheidenes Heim hat, den ich aber gar nicht gesehen habe, da die Perspektive, von wo aus ich aufs Ding gucke, es nicht zulässt, ein Geschenk eines Patienten ist. Wollte der Patient mit diesem Geschenk seine ganz besondere Zufriedenheit über die erlebte Behandlung ausdrücken?

„Schön oder?“, fragt er.

„Eh, ja“, antworte ich.

Kann ich einem Physiotherapeuten meinen fast ganz gesunden, fantastisch aussehenden und gut definierten Körper anvertrauen, der auf tote Pflanzen, die nie gelebt haben, steht? Zudem Geschenke von Patienten annimmt, die lebendige Wesen in kleine nicht-lebendige Mini-Dinger aus hartem Plastik einsperrt, und sie SCHÖN findet.

Ich ziehe mein T-Shirt aus, lege mich auf diese Liege, die mit weißem toten Papier, das aus lebendigen Bäumen hergestellt wurde, überzogen wurde, positioniere mein Gesicht in das dafür vorgesehene Loch, spüre die kalten Hände des Physiotherapeuten an meinem Rücken und hoffe, dass meine Haut nicht zu… ihr wisst schon.