LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Der kritische Spiegel des Glaubens

Carlos Fraenkel hat in seinem 2016 erschienenen Buch „Platon in Palästina“ aufzuweisen versucht, inwiefern der Philosophie das Potential zur Konfliktlösung und Vermittlung in äußerst problematischen Kulturkonflikten zugesprochen werden kann. Fraenkel hat an einer Universität in Palästina ein Seminar abgehalten, dessen Intention die Analyse der Diskussions- und Debattenkultur war. Die Objektivierung der Glaubenssätze war das Ziel, es galt sich zu fragen, wann diese als richtig oder falsch gelten können. Dies ist auch der Umstand, auf den sich diese Kolumne im Kern richtet. Es ist kein Anliegen meinerseits, ein politisches Statement bezüglich des Israel-Palästina Konfliktes zu konstruieren, noch über die Rechtmäßigkeit der involvierten Religionen zu urteilen. Zwar hat Fraenkel sich mit dem Islam befasst, sein Anliegen ließe sich aber auch auf die jüdische, sowie die christliche Religion ausrichten.

Der gesellschaftliche Kontext, der die Studenten im Krisengebiet umgibt, stellt eine große Hürde für den aufklärerischen Vorstoß Fraenkels dar. Der Eindruck ‚einer‘ Wahrheit sitzt hier oft so tief, dass mit einer Deklination der Glaubenssätze zunächst nicht umgegangen werden kann. Dass sich das Rechtsverständnis mit der gängigen Interpretation des Islam an einigen Punkten durch eine gewisse Starrheit auszeichnet, geht mit dieser fundamentalen Ausgangsproblematik einher. Wie ist es in einem solchen Fall möglich, zu einer sinnvollen Diskussion zu gelangen, ohne dogmatisch und belehrend zu wirken?

Um zu einer objektiven Analyse des Korans zu gelangen, die sich mit den facettenreichen Interpretationen der Lehre auseinander zu setzen hat, war es für Fraenkel zunächst zentral das Verständnis von Philosophie und Religion zu hinterfragen. Hierzu wurde sich auf den muslimischen Philosophen al-Farabi konzentriert, welcher zum einen für einen religiösen Pluralismus eintrat, und zum anderen die Religion als eine Art Imitation der Philosophie ansah. Die Lehre des Korans ist laut al-Farabi demnach genauso gut als Abbild einer Reflexion zu verstehen, die etliche religiöse Überzeugungen und Positionen hervorgerufen hat.

Mit dieser Konzeption des Verhältnisses von Religion zu Philosophie können die Themen der heiligen Schriften zum Beispiel als Metapher für philosophische Lehren interpretiert werden. Der Philosophie, die sich der Suche nach Wahrheit verschrieben hat, ist es inhärent, sich offen gegenüber anderen Meinungen und Deutungen zu verhalten. Dies, um anhand der Prüfung der verschiedenen Perspektiven zum eigentlichen wahren Kern der Sache vorstoßen zu können. Der Islam beispielsweise verfügt über so viele Quellen, dass eine innerislamische Auseinandersetzung mit den Deutungen und Deutungsdivergenzen durchaus möglich wäre und einem Islamverständnis, welches sich über die einseitige Interpretation der Fundamentalisten erheben würde, zuträglich wäre. Die extremistische Auslegung müsste in ein dringend notwendiges kritisches Licht gerückt und deren Haltbarkeit hinterfragt werden.

Wenn es zu einer innerislamischen Debattenkultur kommen kann, so muss es auch zwischen Juden und Christen möglich sein, nicht nur Gespräche miteinander zu führen, sondern auch religiöse Überzeugungen zum Bestandteil der sinnvollen Diskussion und gemeinsamen Suche nach Wahrheit zu machen. Das Ideal besteht also darin zu erkennen, dass der Glaube nicht unbedingt widerspiegelt, wie etwas tatsächlich ist. Ist es Fraenkel in seinem Seminar gelungen, den Studenten zu vermitteln, dass die Suche nach Wahrheit notgedrungen eine Öffnung hin zum anderen verlangt? Dass Wahrheit nicht von Glaubenssätzen oder auch vom politischen Umfeld bestimmt werden kann? Dass das Hinterfragen der eigenen Ansichten zentral dafür ist, um zu neuen Erkenntnissen und Lösungen für Probleme gelangen zu können?

Fraenkels Versuch ist lobenswert, und sollte in dieser Form etliche zur Nachahmung motivieren. Er konnte aufweisen, dass philosophische Reflexion auch den praktischen Nutzen mit sich bringt, anlässlich einer Debatte zur Schlichtung eines Konfliktes zu kommen. Doch vergessen wir nicht, dass Fraenkel sich auf akademischem Terrain bewegte. Der Wille zur Liberalisierung der eigenen Denkungsart stellt die notwendige Basis dar, sich mit Religionspluralismus, Toleranz oder Objektivität überhaupt erst auseinandersetzen zu können. An der Universität ist dieser Gesinnungen vielleicht noch zu begegnen, aber um mit politischen oder religiösen Hardlinern diskutieren zu wollen, dafür scheint es momentan wenig Hoffnung zu geben. Ist Platon in Palästina eine Hilfe? Kann der Kant dem Kim die Moral plausibel machen? Oder wird dem Westen mit Wittgenstein die Feinheiten der Sprache wieder nähergebracht?

So oder so, die Notwendigkeit ist anzuerkennen, wenigstens dort, wo eine Debatte ansatzweise geführt werden kann, dies auch zu tun. Denn die Studenten von heute sind die Politiker von morgen.