NORA SCHLEICH

Rund 400 Jahre vor Christi Geburt hat der Vater der Philosophie, Platon himself, einen Dialog verfasst, dessen Bedeutungsinhalt bis heute von äußerster Aktualität zeugt. Es ist nicht nur so, dass etliche Lebenslagen des Menschen und dessen Interaktion mit seiner Umwelt an die Aussagen des Höhlengleichnisses, wie sich besagte Schrift des siebten Buchs seines Werks „Politeía“ nennt, denken lassen. Manchmal, so scheint es mir, leben wir in einem 21st-century Abklatsch der Erzählung Platons, ganz so als ob Platon damals das Plot geschrieben hätte, und wir uns jetzt um dessen Realisierung kümmern würden.

Wahrscheinlich ist Platons Höhlengleichnis nicht jedem ein Begriff. Gerne gebe ich hier das Elementare wieder, jedoch empfehle ich Ihnen wärmstens, sich einige Minuten zu nehmen und die kurze und zugängliche Erzählung zu lesen. Gäbe es ein Literaturkulturerbe, wäre der Text dort zu verzeichnen. 

Sokrates erzählt hier die Geschichte von einigen Menschen, die in einer Höhle lebten. Von Kindheit an saßen sie gefesselt dort, konnten weder sich noch ihren Hals bewegen und waren gezwungen, starr auf eine Wand zu stieren. Niemals hatten sie etwas Anderes sehen können als das, was direkt vor ihnen geschah. Hinter ihnen, am anderen Ende der Höhle, brannte ein großes Feuer, welches die ganze Höhle erleuchtete. Zwischen dem Feuer und den Höhlenmenschen verlief hoch oben ein Weg. Auf diesem liefen täglich Menschen entlang, die verschiedene Gerätschaften trugen. Nun wurden durch das Feuer ganz merkwürdige Schatten auf die große Wand geworfen, auf welche die Höhlenmenschen starrten. Da diese nie etwas Anderes gesehen hatten, hielten sie diese eigentümlichen Figuren für wahre Gestalten. Nun wurde einer von ihnen seiner Fesseln befreit und an die Oberfläche gebracht. Im Sonnenlicht traute er seinen Augen kaum, als er die realen Menschen sah, die mit ihren Geräten umherliefen. Bald erkannte er, dass diese die Ursachen der verzerrten Schattenbilder waren. Diese gaben also nicht die Wirklichkeit wieder, waren nichts als Illusion und Betrug. Bei der Rückkehr in die Höhle berichtete der Auserwählte von seinen atemberaubenden Beobachtungen und neuen Erkenntnissen. Die Gefesselten verspotteten ihn, hielten ihn für irre und beharrten auf dem, was sie für wahr hielten: Die Bilder der Schatten stellten ihre Realität dar.

Wie oft glauben wir Menschen, dass das, was wir als wirklich annehmen, auch dem entspricht, was wahr ist? Lebt nicht jeder in seiner eigenen, kleinen Höhle und genießt die Welt aus seiner privaten Perspektive? Wie könnte man auch die eigene Ansicht verlassen, ist doch unsere persönliche Wahrnehmung das Fenster zur Außenwelt? Diese Subjektivität ist nicht das Verderben, kritisch wird es nur, wenn die eigene Interpretation die einzig bekannte ist. Besser wäre es dann noch, andere Meinungen als unhaltbar abzustempeln - dann hätte man sich wenigstens mit diesen auseinandergesetzt.

Die Parallele zu dem Hype um die Virtual Reality lässt sich hier sehr leicht ziehen. Setzen wir diese metamodernen Brillen auf, die uns Einlass in die neue virtuelle Realität gewähren, tauchen wir gewollt in eine andere, künstlich geschaffene Sphäre ein. Noch ist es an uns, bewusst zu entscheiden, in welcher Traumwelt wir weilen wollen. Doch vergessen wir nicht, dass das uns Gezeigte eine Kreation eines Anderen ist, dessen Ziel es ist, uns das Abdriften in eine Illusion so angenehm wie möglich zu machen. Es liegt somit in der Hand der Firmen, die über das Virtuelle entscheiden, mit welchen digitalen Begebenheiten wir uns anfreunden dürfen. Doch besteht nicht hier ein großes Risiko, die Weite des Blickwinkels, kontrastiv zu der Argumentation der Hersteller, gefährlich zu beschränken? Geht es uns nicht ähnlich wie den Höhlenmenschen aus Platons Analogie, die dem Projizierten Glauben schenken? 

Da das eigene Wohlbefinden dem Menschen ein recht hohes Gut zu sein scheint, ist diese virtuelle Auszeit eine willkommene Abwechslung vom reellen, durchaus komplizierten Ist-Zustand. Da sie aber tatsächlich nicht mehr ist, als eine illusorische Parallelwelt, muss dies stets mit Bedacht gehandhabt werden. 

Die eigentliche Wahrheit verlangt bereits sehr viel konzentrierte Wahrnehmung, Empathie und Verstand, sowie eine geschärfte Urteilskraft, um sich in ihr zurechtfinden und mit ihrer Authentizität umgehen zu können. Die virtuelle Safari kann in dem Sinne bestimmt ein fruchtvolles Utensil zur Förderung des eigenen Vermögens darstellen, darf sich aber nicht der Bequemlichkeit wegen als tatsächlicher Realitätsersatz durchsetzen. Patet omnibus veritas, die Wahrheit steht allen offen.