LUXEMBURG
LUC SPADA

Wer die letzten Tage und Wochen nicht komplett im Offline gelebt hat, weiß jetzt ganz genau, was sein guter Freund Ingo für Musik hört. Wer zudem Spotify-Abonnentin ist, weiß jetzt auch, was 2017 (und 2016, 2018,…) in Heavy Rotation lief. Bilderbuch? Coldplay? Oder doch die Beatles? Spotify bietet freundlicherweise an, seinen Hörgenuss mit all seinen Freunden, Followerinnen und Bekannten zu teilen. Ingo hört super gerne Rihanna, und auch diese Ariane findet er ganz super. Und Ingos Freundin Lisa hört ganz gerne David Guetta und Justin Bieber, welcher ihr Lieblingskünstler 2016 war. Jetzt wird fleißig geteilt, schließlich teilen Ingo und Lisa und Anne-Marie und Finn, und wie sie und wir alle heißen, alles. Das muss Argument genug sein. Nur warum? Ja, die Frage muss doch mal erlaubt sein. Warum wird geteilt?

Okay, Du warst im Urlaub, im All-Inclusive-Traumhotel, und Du willst ein paar Fotos von Deinen langweiligen Cocktails mit Deiner dazu grinsenden langweiligen Fratze zeigen, ja, warum auch nicht? Sag all Deinen Followern, dass Du Dir das leisten kannst, und sie nicht. Hätten sie halt was lernen sollen, dann könnten sie, dann hätten sie jetzt…

Oder Du hast einen neuen Hund, ein neues Kind, eine neue Küchenmaschine, ab ins Internet damit, einmal mit Filter, einmal ohne,… super toll, alle freuen sich mit Dir, das ist echt gut, das Leben, das Du führst, bitte erzähl mir mehr davon.

Vielleicht bist Du heute aber auch 15 Kilometer durch den Wald gelaufen, einfach, weil Du so derbe in Form bist, der Sonnenuntergang über Dir, Deine neuen Laufschuhe, ja, das ist schon krass, und ich freue mich sehr für Dich, dass Du so unerhört gut in Form bist. Und natürlich inspirierst Du mich, noch morgen werde ich loslaufen, in ein neues Leben. #newbeginning, es ist nie zu spät, wenn Du es nur teilst.

Und jetzt eben die Musik und da, meine Damen und Herren, ich weiß nicht so recht. Ist denn nichts mehr heilig? Was ich meine: Meine Hörgewohnheiten gehören doch mir. Klar, Ihr dürft gerne wissen, dass ich ein großer Beatsteaks-Fan bin, aber was ich jetzt gerade höre, und das höre ich ziemlich oft, zum Beispiel, wenn ich schreibe oder Auto fahre oder durch die Straßen irgendeiner Stadt schlendere, das teile ich nicht mit euch. Warum auch? Es sind meine Momente, sie gehören mir, da habt Ihr nichts zu suchen, ich will euch da nicht dabei haben. Und Ihr mich auch nicht. Erstens ist das zu intim und zweitens interessiert es euch nicht. „Aber!“, nein, einfach nein. „Dieses Internet“ tut nur so. Es tut so, als wäre es wichtig, was der andere hört. Das ist es schlichtweg nicht. Und zweitens beraubt es einen des „ungenierten Hörgenusses“. Es wird indirekt ein Thema, welche Musik wir hören. Ist sie cool genug? Ist sie hip genug? Entspricht sie dem, was ich so allgemein ausstrahle?