Mehrmals pro Woche geht der chinesische Ingenieur Fan Xiaolin demonstrieren. Er will sein Geld zurück, genauso wie etwa hundert andere in der Stadt Changsha. Sie alle hatten ihre Ersparnisse einem informellen Finanzinstitut anvertraut - der Hunan Bofeng Asset Management. Doch das war ein Fehler.
Er sei davon ausgegangen, dass es sich um eine sichere Anlage handle, sagt Fan. Schließlich sei ihm der Anbieter von Mitarbeitern der staatlichen Bank of China empfohlen worden. Umgerechnet rund 120.000 Euro (800.000 Yuan) hat der 50-Jährige verloren. Und Fan ist nur einer von vielen.
Tausende Anleger in ganz China verlassen sich seit Jahren auf ein System, das praktisch ohne Kontrolle ist. Die staatlichen Geldinstitute bieten nur minimale Zinsen. Parallel zur offiziellen Finanzwirtschaft hat sich daher ein gigantischer Schattenbanksektor entwickelt.
Bisher wurde das System von der Regierung still geduldet. Die informellen Anbieter waren ein wichtiger Partner für dynamische Unternehmer, die Jobs und Wohlstand schufen. Für die kommunistische Führung war dies sehr bequem: Obwohl die offiziellen Banken weiter vor allem im Sinne der Staatsbetriebe agierten, profitierte das ganze Land von einer blühenden Privatwirtschaft.
Fehlende Regulierung
In den vergangenen Jahren schien das System trotz der fehlenden Regulierung zu funktionieren. Doch angesichts des stockenden Wirtschaftswachstums macht nun auch der Schattenbanksektor zunehmend Probleme. Immer öfter fallen Schuldner aus, weil Immobilienprojekte oder andere Unternehmungen scheitern. Die schlecht abgesicherten Anleger gucken dann meist in die Röhre. „Viele Investoren erkennen das Risiko erst dann, wenn etwas schief läuft“, sagt der Bankenexperte Guo Tianyong von der Zentralen Universität für Finanzen und Wirtschaft in Peking.
Ein Teil des informellen Finanzsystems wird in China vom Gesetz erlaubt: Kleine Darlehen von Einzelpersonen können von Zwischenhändlern an Unternehmen vermittelt werden. Auf diese Weise wurden schon Billionen Yuan (Hunderte Milliarden Euro) in die private Wirtschaft gepumpt.
Doch große Teile des chinesischen Schattenbanksektors sind heute kaum noch zu durchschauen. Etliche Institute treten wie reguläre Banken auf: Sie treiben Geld von Sparern ein, um es weiterzuverleihen, zu investieren oder damit an der Börse zu spekulieren. Die versprochene Rendite beträgt oft ein Vielfaches von dem, was die staatlichen Banken an Zinsen bieten.
Die Behörden bemühen sich offiziell zumindest um eine Trennung des staatlichen Systems von dieser Schattenwirtschaft. In der Praxis gibt es jedoch offenbar Querverbindungen. Im Fall Bofeng im zentralchinesischen Changsha sollen Mitarbeiter nicht nur der Bank of China, sondern auch der ebenfalls staatlichen ICBC ihre Kunden an die dubiose Vermögensverwaltung verwiesen haben.
Bank of China beriet Anleger
„Ich wollte Geld auf mein Bankkonto einzahlen, da hat mir der Filialleiter dies empfohlen“, sagt Sheng Weimin. 100.000 Yuan (15.000 Euro) legte der ICBC-Kunde im Januar 2014 bei Bofeng an. Auch er wird sein Geld wohl nicht wiedersehen.
Der von der Bank of China beratene Fan erklärt, ihm seien für eine einjährige Anleihe bei Bofeng sieben Prozent Zinsen in Aussicht gestellt worden - doppelt so viel wie bei seiner Hausbank. „Von einem Risiko war nicht die Rede“, sagt Fan, der als Ingenieur etwa 4.000 Yuan (590 Euro) im Monat verdient.
Nach Berichten der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua konnte Bofeng von Hunderten Anlegern insgesamt 400 bis 500 Millionen Yuan (59 bis 74 Millionen Euro) eintreiben. Obwohl die informelle Vermögensverwaltung ohne Genehmigung gearbeitet haben soll, hatten die staatlichen Geldhäuser offenbar keine Berührungsängste: Laut Xinhua erhielten die Mitarbeiter der Banken bei der Vermittlung von Kunden eine Prämie von zwei Prozent.
Aus anderen Teilen des Landes wird über ähnliche Fälle berichtet. In der Provinz Henan wird nach Angaben der „Beijing Times“ wegen „illegaler Kapitalbeschaffung“ gegen den ehemaligen Chef der bankrotten Haochen Investment Guarantee ermittelt - hier hatten sich zwei Bauern wegen des Verlusts ihrer Ersparnisse sogar das Leben genommen. In Schanghai machten sich die Betreiber einer dubiosen Firma mit 100 Millionen Yuan (15 Millionen Euro) aus dem Staub, nachdem sie überwiegend ältere Anleger mit dem Versprechen von 36 Prozent Rendite geködert hatten.
Nach Angaben von Xinhua sind Gesetzesänderung geplant, um solche Betrugsfälle zu verhindern. Schattenbanken ohne staatliche Regulierung seien schließlich nicht nur eine Bedrohung für die Finanzwirtschaft, sondern sie begünstigten auch Schmuggel, Geldwäsche und das Unterschlagen öffentlichen Eigentums, hieß es in einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur. Gesetzesänderungen scheinen angesichts der sich häufenden Fälle dringen notwendig. Für die vielen bereits geprellten Anleger kämen sie jedoch zu spät.


