LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Gintare Parulyte blickt als „A Lithualien in the Land of Bananas“ zurück

Luxemburg, ein Bananenparadies? Genauso hat die Litauerin Gintare Parulyte das Land jedenfalls empfunden, als sie in den frühen 1990ern als Siebenjährige mit ihrer Familie aus der damaligen Sowjetrepublik in diese neue Heimat zog. Ihre Kindheitserinnerungen hat die Schauspielerin nun in dem Ein-Personen-Stück „A Lithualien in the Land of Bananas“ verarbeitet, mit dem sie heute Abend im Rahmen des „Fundamental Monodrama Festival“ passenderweise in der „Bannanefabrik“ auf der Bühne steht.

Wie kam diese Beteiligung am Monodrama Festival zustande?

Gintare Parulyte Dass ich bei dieser Auflage mit einem eigenen Stück dabei bin, geht auf meine Teilnahme am „Monolabo“ vor zwei Jahren zurück. Das ist ein Teil des Programms, wo Künstler eigene Stücke sozusagen vor einem Publikum ausprobieren können. Steve Karier, der Organisator, überzeugte mich damals, von meiner Kindheit in der Sowjetunion und dem Umzug nach Luxemburg zu erzählen. Und weil „A Lithualien in the Land of Bananas“ als Teststück so gut ankam, bot sich mir nun die Chance, es in einer einstündigen Fassung als Koproduktion zwischen dem Monodrama Festival und dem Kleinen Staatstheater von Vilnius zu produzieren. Dort werde ich es übrigens im Herbst auch spielen.

Ist es Ihr erstes eigenes Theaterstück?

Parulyte Theaterstück ja. Schreiberfahrung hatte ich schon. Mit 15 habe ich angefangen, als Schauspielerin zu arbeiten, parallel dazu Kommunikation studiert. Seit meiner Studienzeit schreibe ich Kolumnen und Artikel für Zeitschriften. Vor einem Jahr habe ich meine erste Novelle „Fuck“ veröffentlicht. Außerdem habe ich gerade meinen ersten, auch teils autobiografischen Kurzfilm geschrieben, der im Herbst gedreht wird und in dem ich selbst mitspiele und Regie führe.

Ist Ihnen die Arbeit an „A Lithualien...“ denn schwergefallen? Wie haben Sie diese Vergangenheitsbewältigung erlebt?

Parulyte Das Gefühl, das ich 2016 im „Monolabo“ hatte, hat mich bestärkt. Das Stück basiert auf meinem Leben und ist aus der Perspektive eines Kinds erzählt. Entsprechend öffne ich meine Wunden und meine Seele. Für mich ist das die einzige Art und Weise, Kunst zu machen. Sicherlich werde ich mir heute Abend aber in die Hosen machen. Der eigentliche Schreibprozess ging fast wie von selbst. Ich habe einfach alles niedergeschrieben. Plötzlich konnte ich mich an dieses und jenes erinnern, sodass enorm viel zusammenkam. Eine Deadline ist dann oft das Einzige, was hilft, weil man gezwungen ist, irgendwann zu einem Schluss zu kommen und wirklich nur das Essentielle zurückzubehalten.

Essentiell war ein Bananen-Erlebnis?

Parulyte Das kann man so sagen. Litauen, wo ich aufgewachsen bin, gehörte zur Sowjetunion, also zu einer Diktatur. Einmal im Jahr haben wir Bananen bekommen. Die Anzahl war abhängig von der Größe der Familie. Das war stets ein wichtiger und bewegender Moment. Bananen waren etwas sehr Wertvolles. Als ich dann nach Luxemburg kam, fiel mir als erstes auf, dass man in den Supermärkten nicht Schlange stehen muss und dass man noch dazu wusste, was man kaufen konnte. In Litauen standen wir an, ohne zu wissen wofür und ob am Ende überhaupt noch etwas übrig sein würde. Was mich ebenfalls beeindruckte, war, dass es das ganze Jahr über so viele Bananen gab. Ich war sehr überrascht, zu sehen, wie schnell die Leute diese Bananen aufaßen. Bei uns wurde eine Banane in möglichst viele Stücke geschnitten, und jede Scheibe wurde genossen. Luxemburg, dieses „Land of Bananas“, war deshalb für mich wirklich wie ein Paradies. Gleichzeitig fühlte ich mich aber auch ein bisschen wie ein Alien, also ein „Lithualien“.

Eben darum geht es auch in dem Stück, dass Sie sich in dieser neuen Heimat ziemlich alleine und fremd gefühlt haben…

Parulyte Genau. Ich spiele eine bisschen mit dieser Dynamik, dass ein Kind Dinge anders registriert als ein Erwachsener. Ich bin in einem politischen Kontext aufgewachsen, der für meine Eltern und alle Erwachsenen schrecklich war. Zu viert lebten wir in einem kleinen Zimmer, was für die Erwachsenen eine schlimme Situation war. Für uns Kinder war es das Allerschönste, da unsere Eltern immer in der Nähe und wir waren alle zusammen waren. Wie sich ein Kind in einem politischen Kontext, der furchtbar und erschreckend ist, wo die Menschen kein Recht auf eine Meinung haben, wo regelmäßig Leute verschwinden und danach tot aufgefunden werden, trotzdem wohlfühlen kann, versteht außer dem Kind selbst niemand. Gleiches gilt für die Frage, wie sich dieses Kind in einem demokratischen und toleranten Land so unsicher fühlen und noch dazu sehr verletzt werden kann. Das ist meine Geschichte. Ich erzähle, wie es für mich war, ohne zu beurteilen, aus der Perspektive eines Kinds. Es geht um Einsamkeit, um Isolation und darum, was es mit der Psyche machen kann, wenn man sich nicht mit diesen Gefühlen auseinandersetzt, und welche Erlösung es dann bedeutet, die Konfrontation mit diesen Dingen zuzulassen.

Soll das Publikum auch zum Nachdenken angeregt werden?

Parulyte Hoffentlich. Idealerweise ist es das, was Theater macht. Mit diesem Stück gelingt es mir sicher eher, die Zuschauer zu berühren, als es mit einem fiktionalen Stück möglich wäre, weil es sich ehrlich anfühlt. Ich biete Raum zum Nachdenken. Mir wurde selbst bewusst, welche Macht wir auf unsere Mitmenschen haben. Kinder können einander zum Beispiel sehr verletzen. Letztlich sind wir als Erwachsene aber auch nur große Kinder, deshalb hoffe ich, mit auf den Weg zu geben, dass wir uns unserer eigenen Verantwortung bewusst sein müssen und lernen sollen, uns gegenseitig ein bisschen besser zu lesen.

Haben Sie besonderes Lampenfieber, weil es ein Monolog ist?

Parulyte Ich mache mir eigentlich immer in die Hosen, bevor ich auf die Bühne gehe. Diesmal ist es noch anders, weil ich mich extrem nackt und verletzlich präsentiere, wenn ich aus meinem Leben erzähle, und noch dazu alleine auf der Bühne stehe. Ich bin nervös, freue mich aber auch sehr.

Sie wirken auch regelmäßig in Filmen mit. Was ist Ihnen lieber?

Parulyte Ich genieße den Moment selbst mehr auf einem Filmset, wo es sehr intim und ruhig ist, es hat fast etwas Privates. Wenn ich hingegen mit meiner Performance auf der Bühne fertig bin und dieses Kribbeln im Bauch spüre, ist auch das ganz besonders. Theater ist für mich ein bisschen wie Bungee-Jumping. Bevor es losgeht, macht man sich in die Hosen und danach ist man mega froh.

Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?

Parulyte Die Übersetzung meines Buchs „Fuck“ ins Englische steht an sowie der Dreh meines ersten Kurzfilms. Und im November spiele ich im Kapuzinertheater im Stück „Versetzung“ von Thomas Melle in einer Inszenierung von Max Claessen. Außerdem, das hat zwar jetzt nichts mit meinem eigentlichen Beruf zu tun, schreibe ich mit einer Freundin aus Berlin seit einiger Zeit einen superleckeren Foodblog, www.terrekitchen.com.

Apropos „Food“, wie ist eigentlich heute Ihr Verhältnis zu Bananen?

Parulyte Es ist unfassbar, aber ich habe eine Bananenintoleranz und somit seit einiger Zeit Bananenverbot. Ich kann es immer noch nicht glauben!

Gintare Parulyte tritt heute um 20.00 mit „A Lithualien in the Land of Bananas“ in Bonneweg in der „Bannanefabrik“ auf www.fundamental.lu