So recht scheint die „Wort“-Redaktion den Kirchenoberen nicht zu glauben, dass sie sich auch ohne politischen Druck bewegt hätten. Von „aufgezwungenen Chancen“ geht da die Rede oder von einer Not, die nun plötzlich zur Tugend wird. Tatsächlich gewinnen die Bistums-Lenker, die rezent noch allerlei Untergangs- und Kulturkampfszenarien zeichneten, dem neuen Abkommen mit dem Staat nun eine Menge ab. Redefinierung, Zukunftsfonds, Fundraising-Strategie könnten nun endlich durchgezogen werden, ja: „Die Kirche schleppt teilweise Jahrhunderte alte Lasten mit sich. Nun haben wir die Chance, Ballast abzuwerfen.“ Hallelujah! Der Generalvikar wollte im Radio 100,7 sogar eine Trennung zwischen Kirche und CSV ausmachen. Letztere hatte ja gegen das Abkommen votiert, um die scheinbare Abnabelung vom Erzbistum zu demonstrieren sowie die Unverzichtbarkeit auf die Partei bei Verfassungsfragen. „Unter dem Strich bleibt, dass dieser definitive Einstieg in den Ausstieg aus einer klerikalen Gesellschaft - der auch in der Verfassung festgehalten werden wird - ein tatsächlich historischer Moment in der Geschichte des Landes ist“, meint der „t“-Leitartikler. Aber: „weder Regierung noch Bistum würden gute Poker-Spieler abgeben, ihre Risiko-Bereitschaft ist zu gering“. Gemach. Das Spiel läuft ja noch.
Poker mit Ballast
journal.lu - 25.01.2015

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