PATRICK WELTER

Vermutlich werden weder Theresa May noch Boris Johnson den 1914 verstorbenen Dichter Christian Morgenstern kennen - dennoch agieren sie entsprechend eines berühmten Morgenstern-Zitats: „Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.“ Willkommen im Paralleluniversum!

Die letzten zwei Jahre an der Themse haben gezeigt, dass Geschichte auch ohne Umweg über die Tragödie zur Farce werden kann. In dieser Zeit haben wir an dieser Stelle mehr als einmal über den britischen Schwanz geschrieben, der verzweifelt versucht mit dem europäischen Hund zu wedeln. Für das, was aktuell im britischen Unterhaus abgeht, gibt es keinen Vergleich. Vielleicht doch. Erinnern sie sich noch an „Comical Ali“? Den Informationsminister Saddam Husseins, der laut verkündete „Here are no American infidels in Baghdad. Never!“ als der Kanonendonner schon über Bagdad lag. Genauso groß ist die Realitätsverweigerung in Downing Street No. 10. Alles gipfelt in der Arroganz von Mrs. May, die sich hinstellt und verkündet: „Wir stoppen die Abstimmung über unseren Austrittsvertrag, gehen stattdessen nach Berlin und Brüssel und verhandeln noch mal neu. Vollkommen egal, dass ihr ein 27-faches „Nein, verdammt nochmal, nein!“ entgegen schallt. Egal, für die Tories gilt immer noch: „Wir sind das Empire, ihr die Kontinentaldeppen...“ Unausgesprochen bleibt bei Leuten wie Jacob Rees-Mogg der Zusatz „…unter deutschem Joch.“ Das denkt man natürlich nur im stillen Kämmerlein. Nicht wenige Hardliner glauben fest daran, dass Brüssel an der Spitze eines blau-golden überlackierten Groß-Germania steht. Liebe Brexiteers, ihr habt zu viel „Fatherland“ gelesen! Das ist ein Roman, kein Tatsachenbericht! Hatten Boris J. und sein UKIP-Kumpel Nigel den Brexit mit krassen Lügen angeschoben, so verlegt sich PM Teresa M. auf eine entschiedene Realitätsverweigerung. Eine nicht unübliche Form des politischen Harakiri. Wohlmeinende Kommentatoren sehen in Mrs. May eine Zockerin, die auf „Baisse“ setzt. Ohne Abstimmung und Vertrag können, sollen , müssen die Aktienkurse, das Pfund und die Wirtschaftsprognosen so tief in den Keller rutschen, dass selbst die härtesten Brexiteers in Angst vor einem „No Deal“ erstarren und brav ihr Placet für den Austrittsvertrag geben. Wer‘s glaubt..

Der größte Feind einer vernünftigen Grenzlösung zwischen Nordirland und Irland - soll heißen keine Grenze - ist die nordirische ultraprotestantische DUP, eine Partei aus dem Panoptikum mit einem einzigen Programmpunkt „Wir wollen britisch bleiben!“ Es ist schon peinlich, dass sich May von dieser Gespenstertruppe an der Regierung halten lässt, aber noch peinlicher ist, dass sie für eine Provinz sprechen wollen, die sich mehrheitlich gegen den Brexit ausgesprochen hat.

Wenn die Tories wirklich glauben, außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums, das Eldorado des Freihandels zu finden, wäre eine Zollgrenze auf der Irischen See doch nur ein kleiner Preis. Wäre... Was machen die Zuschauer der „Rocky-Horror-Picture-Show“ wenn es langweilig wird? Sie schreien: „Boring! Boring! Boring!“ Das möchte man angesichts der „Horros-Brexit-Show“ auch tun, den ganzen Tag!