COLETTE MART

Gleich zwei kulturelle Veranstaltungen rühren dieser Tage an die vielschichtigen Beziehungen zwischen Politik und Literatur. Im Merscher Literaturzentrum wurde eine Ausstellung über die Luxemburger Literatur im Ersten Weltkrieg eröffnet, und im Escher Theater fand eine literarische Lesung statt, anlässlich der bekannte Politiker Texte von Luxemburger Autoren präsentierten. Zeitgleich läutete diese Lesung das Ende des Verlags „ultimomondo“ ein, was uns alle interpelliert und daran erinnert, wie schwierig es in Luxemburg ist, Literatur zu machen und zu veröffentlichen. Die beiden Kulturevents offenbarten auf Anhieb, dass die Literatur komplexe politische Zusammenhänge verständlich machen kann, und dass man Geschichte anhand von literarischen Texten rekonstruieren kann. Die Luxemburger Schriftsteller, die über den Ersten Weltkrieg schrieben, beschrieben die zwiespältigen Gefühle, sowie die Ängste und Entbehrungen der Bevölkerung und dank der damaligen Veröffentlichungen konnte das Literaturzentrum die Komplexität des Kriegsgeschehens und die Lage der Luxemburger Bevölkerung ins richtige Licht rücken. Literatur bleibt also ein wichtiges Instrument, wenn es darum geht, Zeitgeschehen oder den Zeitgeist einer Epoche darzustellen, und in dem Sinne ist ihre Unterstützung genauso wichtig wie die Aufarbeitung der Geschichte selbst. Das was für den Ersten Weltkrieg gilt, gilt ebenfalls für die siebziger Jahre, wurde doch im Escher Theater an die politischen Antagonismen der Minettemetropole in dieser Zeit des Umbruchs gerührt. In den Siebzigern wurden nämlich in Esch konservative politische Verhaltensschemen von der Studentenbewegung hinterfragt, und klischeehaftes Denken, das in der Kulturszene auch seinen Niederschlag fand, wurde angeprangert, was schlussendlich die Gesellschaft weiterbrachte.

Einige, die damals jung waren, schreiben heute ihre Erinnerungen, helfen, politische Zusammenhänge über Jahrzehnte deutlich zu machen, und veröffentlichten in einem Verlag, der leider schließen muss. In einem literarischen Umfeld, das mittlerweile von Amazon geprägt wird (und Amazon steht hier für die globalisierte Wirtschaft, die grenzüberschreitende Kultur, jedoch auch die Unkultur der sozialen Ausbeutung und der Steuertricks), wird es sowohl für Luxemburger Verlage, als auch für Printmedien schwieriger, sich zu behaupten und zu überleben.

In einem politischen Umfeld, in dem Sparmaßnahmen angesagt sind, sollte die Diversität in der Luxemburger Buch- und Zeitungsszene als wichtiges demokratisches Instrument unbedingt Unterstützung finden, weil sie identitätsstiftend ist und zum Nachdenken anregt in einer Welt, die oberflächlicher wird, und in der also auch Zusammenhänge schwieriger durchschaubar werden. Sicherlich soll auch jene staatliche Hilfe, die der Luxemburger Literatur zu Gute kommt, überdacht und möglichst sinnvoll eingesetzt werden. Jedoch muss die Literatur als Element der Aufarbeitung gesellschaftlicher Vorgänge, der Verbesserung des Geschichtsverständnisses, und, „last but not least“, auch als Weg zum Verständnis der Gefühle der Menschen nach wie vor unterstützt werden. Mit ihr sollte auch die literarische Kreativität gefördert werden, weil sie das intellektuelle Leben in einem mehrsprachigen Land bereichert.