COLETTE MART

Vor 50 Jahren starb Konrad Adenauer, eine Ikone der deutschen Nachkriegsgeschichte. Hier und jetzt, wo sich Europa durch diesen Tod an seinen Wiederaufbau nach 1945, sowie an die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen mit Deutschland erinnert, und wo Adenauer als relativ integrative Figur im kollektiven Unbewussten der Europäer erhalten blieb, veröffentlichte „Der Spiegel“ die „Geheimakte Adenauer“. Hier wird der ehemalige deutsche Kanzler in einem korrupten, menschenverachtenden, und unehrlichen Licht gezeigt, das uns alle interpelliert, und grundsätzlich an das Thema der Politik und der Moral rührt.

Vorweg wäre zu sagen, dass die Ära Adenauer, trotz zahlreicher Gesetzesbrüche, Spionage-Affären, sowie illegaler Bereicherungen des ehemaligen Kanzlers mit den Jahrzehnten in eine relativ gut funktionierende deutsche Demokratie mündete, und dass Deutschland bereits in den fünfziger Jahren Gründungsmitglied der europäischen Union wurde, was schlussendlich die Politik des Altkanzlers zumindest unter diesen Gesichtspunkten ehrt. Allerdings heiligt der Zweck nicht alle Mittel, und die Geheimakte Adenauer rührt an spätere politische Skandale des Ausspionierens des politischen Gegners, an die aktuelle Praxis der Fake-News, die demnach auch schon älter ist als die Ära Donald Trump, so dass wir uns die Frage stellen können, ob die Menschen seit dem Zweiten Weltkrieg dazu gelernt haben. Diese Frage erscheint sehr opportun in einer Zeit, in der die internationale Presse über die Gefahren eines möglichen Dritten Weltkriegs spekuliert. Adenauer ist ein Kind seiner Zeit, ihm werden rassistische und auch antisemitische Äußerungen, sowie eine schwerwiegende Verachtung seines Volkes nachgesagt. Er war eher autoritär, regierte mit einer Clique um sich und mit einem relativ schwachen damaligen Parlament, spionierte Willy Brandt aus und versuchte, ihm öffentlich Skandale anzuhängen, um ihn als Gegner kleinzumachen. Dies ist nicht verwunderlich in einem Nachkriegsdeutschland, in dem man ja nicht in einigen Monaten oder Jahren faschistisches Gedankengut einfach ablegen kann.

Die Gravität der Anschuldigungen gegen Adenauer, die ihrerseits an den Watergate-Skandal von Richard Nixon rühren, sowie an die Fake-News und Hasskampagnen eines Donald Trump, zeigt, dass die Weltpolitik trotz zahlreicher Bemühungen zur Völkerverständigung und Fortschritte der Diplomatie keineswegs moralischer geworden ist, und dass man in der Politik auch irgendwann einmal einfach Teil des Systems wird, sich in einem Dickicht jahrhundertelanger Machtmissbräuche, Lügen, Unehrlichkeiten behaupten muss. Die Bemühungen des Einzelnen, ehrlich zu bleiben und den Menschen zuzuarbeiten, sind nicht immer für die Wähler sichtbar und werden auch nicht in dem Sinne honoriert. Machtmissbrauch, Fake-News, persönliche Bereicherungen und Säbelgerassel sind demgemäß heute so aktuell wie vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Geheimakte Adenauer sollte für uns ein Moment des Nachdenkens sein, wie wichtig es wäre, systematisch andere Wege in der Politik einzuschlagen, bei Wahlen genauer hinzusehen, ehrlichen Politikern eine Chance zu geben und sie nicht auf Anhieb mit Dreck zu bewerfen.