MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Zusätzliche Forderungen stellen Verhandlungsergebnisse bei der Lufthansa in Frage

Austrian Airlines

Keine kurzfristige Lösung

Es gibt niemanden in Wien, der die Austrian Airlines nicht retten will. Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz geht allerdings nicht von einer kurzfristigen Lösung aus. Zum einen wartet man auf die deutsche Lösung für die Muttergesellschaft Lufthansa. Zum anderen gibt es Verhandlungen innerhalb der Gesellschaft und mit externen Akteuren.
Das Prinzip des Unternehmens ist, niemanden der 7.000 Mitarbeiter zu entlassen. Bis zum Jahre 2024 sollen 300 Millionen Euro eingespart werden. Die Beschäftigten verzichten auf 5,9 bis 12,7 Prozent ihrer Gehälter und Löhne. Bis in das Frühjahr 2022 soll die Kurzarbeit andauern. Andererseits verhandelt das Unternehmen mit der Staatsholding Öbag und der Finanzagentur Cofag. Ob es zu Staatshilfen für die Fluggesellschaft kommen wird, ließ Bundeskanzler Kurz offen. Die grüne Verkehrsministerin Leonore Gewessler fordert von Austrian Airlines ein Gesamtpaket unter Einschluss von klimapolitischen Maßnahmen.
Austrian Airlines hat derweil eine drastische Verkleinerung der Flotte angekündigt, die seit dem 19. März am Boden steht. Ein Fünftel der Flotte soll abgestoßen werden, dazu sieben Maschinen des Typs Airbus A319, sechs Boeing 767 sowie 18 Dash Turboprop Maschinen. Der Flugbetrieb soll bis zum 14. Juni ruhen. Das Unternehmen, das für Wien mit seinen Langstrecken Flügen nach Asien touristisch und seine Destinationen in Ost- und Südost-Europa wirtschaftlich und touristisch wichtig ist, hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von 2,1 Milliarden Euro erzielt. Das Ergebnis vor Steuern und Zinsen lag bei 19 Millionen Euro. wy.   
Nach geplatzten Tarifverhandlungen

Ryanair verlässt Österreich

Die irische Low Cost Fluggesellschaft Ryanair hat beschlossen, Österreich zu verlassen. Der Grund liegt in gescheiterten Tarifverhandlungen mit der Gewerkschaft Vida. Ryanair hatte der Gewerkschaft ein Ultimatum gestellt, dass diese verstreichen ließ. Vida ist die Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft in Österreich. Gehaltsangebote von 848 Euro für eine Stewardess seien inakzeptabel, erklärte die Gewerkschaft. Sie verwies darauf, dass die Armutsgrenze in Österreich bei 1.245 Euro läge. Ryanair beschloss darauf hin, die Basis der Tochtergesellschaft Laudamotion in Wien zu schließen. Betroffen sind 300 Mitarbeiter. Laudamotion war die Fluggesellschaft des verstorbenen ehemaligen Formel 1-Piloten Niki Lauda. Ryanair hatte sich zunächst an der Gesellschaft beteiligt, sie im Jahre 2018 übernommen. Laudamotion hat drei andere Stützpunkte: Düsseldorf und Stuttgart in Deutschland, dazu Palma de Mallorca.   wy.

Die deutsche Bundesregierung verzögert die Rettung der Lufthansa. Sie hat in den eigentlich abgeschlossenen Verhandlungen eine Bedingung nachgeschoben: Lufthansa soll alle bei Airbus bestellten Flugzeuge auch übernehmen und keinen Auftrag stornieren. Ein Wunsch, der die Rettung der Lufthansa unmöglich macht.
Lufthansa braucht, um in den kommenden Wochen überleben zu können, neun Milliarden Euro. Unbestätigten Meldungen zufolge reichen die flüssigen Mittel des Unternehmens noch „einige Tage“. Danach hat Lufthansa kein Geld mehr, würde zahlungsunfähig werden. Der Konkurs wäre ohne Rettungspaket eine Folge. Sowohl die Gewerkschaften, die massive Entlassungen befürchten, als auch der Vorstand der Fluggesellschaft haben die Bundesregierung darauf aufmerksam gemacht.
Das Paket schien am vergangenen Freitag geschnürt. Bis dann die Bundesregierung ihre Forderung nachschob, Würde Lufthansa sie erfüllen, müsste das Unternehmen fünf Milliarden Euro für diese Flugzeuge ausgeben. Deutsche Medien beschreiben die Haltung des Unternehmens kurz und trocken: „Die Forderung muss vom Tisch“.

Schrumpfkurs

Die Forderung der Bundesregierung beschreibt den Konflikt, in den sich jedes Unternehmen begibt, wenn es Staatshilfe benötigt. Lufthansa-Chef Carsten Spohr vertritt ein klares wirtschaftliches Konzept für sein Unternehmen. Lufthansa wird ihre 760 Flugzeuge umfassende Flotte um 100 Maschinen verkleinern. 10.000 Mitarbeiter sollen das Unternehmen verlassen. Von den 23.000 Flügen, die bisher auf der Kurz- und Mittelstrecke gestrichen wurden, wird ein großer Teil nie wieder aufgenommen, weil die Destinationen gestrichen werden.
In Frankreich hat die Regierung die Streichung von Kurzstreckenflügen zur Bedingung der Rettungszahlungen von sieben Milliarden Euro für Air France. Die Regierung will so den Umstieg auf den Zug erzwingen. Die Politik bestimmt so die Firmenpolitik. Lufthansa wollte wegen dieser Versuchung der Regierungen eine Staatsbeteiligung vermeiden, und verband den Wunsch nach finanzieller Staatshilfe mit einem eigenen Sanierungskonzept.  Der Vorstandsvorsitzende Carsten Spohr umriss es mit dem Satz: „Lufthansa wird kleiner aber effizienter werden“.

Die Liebe zu Hamburg

Die Bundesregierung sieht den Hersteller Airbus, an dem Deutschland beteiligt ist. Die Bundesregierung sieht Hamburg, einer der Standorte der Airbus-Produktion, der gerade den Wettbewerb um einen Teil der Flugzeugproduktion gegen Toulouse verloren hat. Nicht auszuschließen, dass auch die Liebe zu Hamburg eine Rolle gespielt hat. Schließlich war Finanzminister Olaf Scholz einst Bürgermeister von Hamburg. Der andere Gedankenstrang ist der der Umweltpolitik. Fliegen gilt als schädlich für die Umwelt. Neue Flugzeuge mit neuen Triebwerken, die weniger verbrauchen, sollen umweltfreundlicher arbeiten.
Diese sachfremden politischen Gedankenspiele sind nicht auf Deutschland begrenzt. Luxemburgs Nachbarland Frankreich kennt sie zur Genüge. Um beim Eisenbahnhersteller Alstom 400 Arbeitsplätze in einer Fabrik kurzzeitig zu überbrücken, bestellte Staatspräsident François Hollande vor Jahren teure Hochgeschwindigkeitszüge, die das Unternehmen SNCF gar nicht brauchte. Hilfsmaßnahmen für Renault verbindet Premierminister Edouard Philippe mit Auflagen. Fabriken und in Arbeitsplätze sollen in Frankreich gerettet, Produktionen aus dem Ausland nach Frankreich zurückgeholt werden. Irreale Vorstellungen, wo das Unternehmen, auf Massenherstellung gedrillt, sich verkleinern muss, weil die Käufer fehlen. Politiker erliegen in solchen Situationen der Versuchung, den Unternehmern ihre ideologischen Bedingungen aufzuzwingen.

Schweigsame Luxair

Das gilt auch für Luxemburg. Hier wird politisch motiviert ein neuer Chef der staatlichen Fluggesellschaft installiert, der eine Nähe zum zuständigen Minister haben und das Unternehmen „grüner“ machen soll. Während von anderen Fluggesellschaften in der Welt bekannt ist, was die Viruskrise kostet, herrscht bei Luxair Schweigen. Es ist unbekannt, ob alle Destinationen wieder angeflogen werden können. Derzeit sind fünf geplant. Es ist unbekannt, was der Stillstand der Flugzeuge kostet, welche Löcher in die Finanzreserven des Unternehmens gerissen wurden. Es ist unbekannt, ob die Flotte ausgelastet und beibehalten werden kann. Es sind dies Grunddaten für eine Fluggesellschaft. Bei Lufthansa oder Air France, selbst bei den in der Regel sehr verschwiegenen arabischen Fluggesellschaften sind solche Daten bekannt. Luxair ist ein Unternehmen, dessen Kapital mehrheitlich in Staatsbesitz ist ... und statt offener Kommunikation die Verschwiegenheit pflegt.
Bei Air France hat die Krise zu einem einschneidenden Schnitt geführt. Das Unternehmen hat mit sofortiger Wirkung seine noch bestehenden neun Airbusse 380 stillgelegt. Die letzte Boeing 747, die Air France noch besaß, wurde bereits im vergangenen Jahr ausgemustert. Weitere Flugzeuge werden stillgelegt, die Flotte restrukturiert. Lufthansa plant, seine Großraumflieger nur „teilweise“ einzusetzen. 

Keine Dividende und keine Boni

In Berlin scheint es hinter den Kulissen harte Auseinandersetzungen zu geben. Das von den Sozialdemokraten geführte Finanzministerium will Lufthansa offensichtlich in ein ideologisches Konzept einbinden. Wirtschaftsminister Peter Altmaier stemmt sich dagegen. „Wir achten darauf, dass wir das Unternehmen wirtschaftlich stabilisieren, verantwortlich mit Steuergeldern umgehen, uns aber nicht in operative Einzelentscheidungen einmischen“, sagte er in einem Fernseh-Interview. Auflagen der Regierung wie in Frankreich gegenüber Air France lehnte Altmaier ab. „Wenn man mit Auflagen für einzelne Unternehmen anfängt, verschwimmt die Grenze zum staatsgelenkten Konzern sehr schnell“, fügte er an. Es bleibe allerdings dabei, dass die Lufthansa während der Zeit des staatlichen Engagements keine Dividende und keine Boni zahlen dürfe. Für Aktionäre dürfte das Unternehmen damit deutlich uninteressanter werden. Altmaier widersprach der These, dass mit den Auflagen die Lufthansa in den Konkurs getrieben werde. Er kenne niemanden, der sich den Konkurs der Lufthansa wünsche, sagte er. Der Staat müsse weiter so schnell wie irgend möglich aus dem Kapital er Lufthansa wieder herausgehen.
Der Aufsichtsrat des Unternehmens, der ursprünglich am vergangenen Freitag zusammentreten wollte, will am Montag über die neue Situation beraten.