PATRICK WELTER

Auch wenn ich der CSV gerne noch zehn Jahre Opposition wünsche, aber im kleinen Großherzogtum steht sich bei den nächsten Wahlen wenigstens das Beste gegenüber was die etablierten Parteien zu bieten haben: Bettel, Bausch, Schneider, Wiseler. Jeder mit einem anderen Stil, die ersteren mit einer gleichen Politikauffassung, der vierte mit einer anderen. Frei nach Walter Kempowski: „Uns geht’s ja noch Gold!“

Jenseits der Grenzen ist es dagegen duster. Hinter Düdelingen herrscht eine politische Klasse, die nichts versteht. Wenn Politik bürgerfern ist, dann bei unseren französischen Nachbarn. Schönstes Beispiel ist die Gebietsreform, die das Monster „Grand Est“ geschaffen hat. Eine Region von Sedan bis in den Sundgau, die von Straßburg (!) aus verwaltet wird. Sinnlose Entscheidungen von oben, sinnlose Blockaden von unten. Frankreichs Gewerkschaften ist nicht zu vermitteln , dass der Sozialstaat bezahlt werden muss. Man wundert sich aber, dass der Nachbar im Osten wirtschaftlich viel besser dasteht. Gleichzeitig gelten die Schröder’schen Reformen im Hexagon als Ausgeburten der Hölle. Ergebnis: Die Franzosen haben bei den nächsten Präsidentschaftswahlen die Wahl zwischen Pest, Cholera und Milzbrand: Zwischen einem müden Präsidenten, einem Ex-Präsidenten mit ADHS und einer ziemlich braunen Rechtspopulistin.

Jenseits der Mosel ist die Situation vordergründig besser, bedingt durch die föderale Struktur, die die Berliner Macht einschränkt. Was sich in Frankreich auf eine Person konzentriert, teilt sich in Deutschland auf ein System von „1 + 16 + 1“ auf. Ein Kanzler, eine Kanzlerin, die „die Richtlinien der Politik bestimmt“ - steht so im Grundgesetz. 16 Ministerpräsidenten und -präsidentinnen, die alle ihren eigenen Kopf haben, und schließlich ein Bundespräsident, der formal wenig zu sagen hat, aber eine wichtige moralische Instanz sein kann. Die Chance, dass unter diesen 18 nur Deppen sind, ist relativ gering. Horst Seehofer - berechenbar wie eine Luftmine mit Klöppelzünder - ist ein bedauerliches Einzelschicksal.

Politik steht in Deutschland auf einer breiteren Basis als in Frankreich, dennoch gibt es auch dort den Semi-Faschismus der AfD. Entscheidender ist aber eine andere Frage, die auch schon der geschätzte Henryk M. Broder in der WELT gestellt hat: „80 Millionen Deutsche und niemand kann Merkel ersetzen?“ Ist Merkel wirklich alternativlos? Nein, an dieser Stelle soll nicht in den AfD-Chor „Merkel muss weg“ eingestimmt werden. Man muss aber misstrauisch sein, wenn jemand als „unersetzlich“ gilt.

Merkel hat zwar ihre männliche Konkurrenz innerhalb der CDU nachhaltig erledigt - aber die Frauen sind noch da. Ihre Lieblingsschülerin Julia Klöckner hat sich mit einer verhunzten Wahl in Mainz selbst ins Knie geschossen - aber die CDU hat noch mindestens zwei Frauen, die Kanzlerin können: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Wenn Merkel wirklich nochmal antritt und sie das lächelnde Phänomen Petry-Heil nicht in den Griff kriegt, kann in einem fragmentierten Bundestag der dicke Mann von der SPD der strahlende Gewinner sein. Es ist ein Zeichen von Klasse, den eigenen Abgang selbst zu bestimmen.