LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Unser Auto steht ganz hinten auf dem Parkplatz. Damit uns nicht mehr das Gleiche passiert wie letztes Mal. Da hatte uns nämlich jemand seine Autotür in die Seite unseres Wagens gerammt. Das war wahrlich ein dunkler Tag im Leben meines Bruders. Trotzdem gehen wir immer noch gerne zusammen ins Kino. Ich weiß jetzt allerdings, dass ich vorher nicht einkaufen gehen sollte, denn jedes Mal versucht der Kinomitarbeiter mir meine Einkaufstüte abzunehmen, um „für mich darauf aufzupassen“. Als könnte ich das nicht selbst. Und als bräuchte meine Freundin jemanden, der auf ihre Möhren aufpasst. Ich verstehe ja, dass man Esswaren und Getränke vor Ort kaufen soll, aber Karotten gibt es da nicht und ich habe auch noch nie jemanden genüsslich ungeschälte Möhren knabbern sehen. Zumindest keinen Menschen. Meinen Schal, den ich gekauft habe, kann ich auch nicht essen. Aber ich kann ihn anziehen und dem Mann meine leere Einkaufstüte reichen, damit er darauf aufpasst. Mein erster Freund wollte seine Limonade damals auch nicht abgeben, die er gleich unten im selben Gebäude gekauft hatte. Ja, genau der, der nicht mit mir Händchenhalten konnte, weil er mit der einen Hand krampfhaft seinen Popcorneimer festhielt und sich mit der anderen das Popcorn in den Mund stopfte und schlussendlich einfach den ganzen Kopf in den Eimer steckte- und zwar, bevor er mir auch was davon anbot. Der Eimer war schon leer, ehe der Film überhaupt angefangen hatte. Auf jeden Fall hatte er den Pappbecher mit der Limonade einfach hinter einem Plakat versteckt. Blöderweise war ich diejenige, die mit einem Lachanfall die Aufmerksamkeit auf sich zog und um die sich die Sicherheitsangestellten versammelten, um mich zu belehren, wie man seinen Müll sachgemäß entsorgt.

Dubioses Fremdeln

Ich musste an diesen Werbespot denken von der personifizierten und mit einer Piepsstimme ausgestatteten Plastikflasche, die um ihr Leben läuft und am Ende erbarmungslos von der Reinigungskraft in den Mülleimer gekickt wird. Mir kommen da jedes Mal fast die Tränen. Wer könnte es dieser jetzt noch gleich tun, ohne dass es ihm das Herz bricht? Nein, niemand kann das und das sieht man auch sofort, wenn man den Saal betritt. Ich suche mir stets die zwei Sitze mit den wenigsten Krümeln aus, einen für mich und einen für meine Jacke, unter der Bedingung, dass zwischen meiner Jacke und der eines Fremden mindestens ein Platz frei bleibt, denn meine Jacke ist ein wenig xenophob. Das gilt wohl für alle Jacken heutzutage. Die fünf Freunde vor mir allerdings haben unmittelbar nebeneinander Platz genommen, als hätten sie sich so viel zu sagen. Doch es herrscht Stille. Jeder ist mit seinem Smartphone beschäftigt. Ob sie ihren Facebookfreunden mehr zu erzählen haben als einander? Gelegentlich reiben sie sich gegenseitig den eigenen Bildschirm kurz unter die Nase. Sie verstehen sich wohl einfach ohne Worte und es heißt doch immer, non-verbale Kommunikation sei wichtig. Nun, nach dem Film werden sie wahrscheinlich irgendwo hingehen, wo die Musik sehr laut ist. So können sie einen ganzen Abend gemeinsam verbringen, ohne ein Wort sagen zu müssen. Das ist auch optimal für ein erstes Date. So kann man wenigstens nichts Falsches sagen. Nur während des Films reden die fünf Freunde gerne mal. Beispielsweise über mich, wie ich während des Horrorfilms vor Schreck hochfahre, als hätte ich auf einem Schleudersitz Platz genommen. Dabei kann ich nicht mal viel erkennen. Ich habe wieder einmal vergessen, meine 3D- Brille einzupacken und habe jetzt keine Lust mehr, mir noch eine zu kaufen, denn ich habe schon fünf zu Hause, drei im Handschuhfach und zwei in jeder Handtasche, außer in der, die ich heute dabei habe. Über den eben gesehenen Film allerdings gibt es wenig zu sagen, denn ich werde ihn bestimmt gleich wieder vergessen haben, sobald ich das Kino verlassen habe. Und zwar nicht nur deshalb, weil ich kurz eingenickt bin. Oder weil Opa uns begleitet hat und ich ihm jeden zweiten Satz wiederholen musste, weil die Schauspieler „mal wieder zu tark genuschelt“ haben. Der Grund ist ganz einfach der, dass der Film es wie so oft nicht wert ist, dass man sich daran erinnert.

Nach dem Kino schnell der „Vino“

Eigentlich müsste ich so langsam aufs Klo, aber das ist so eine Art Film, bei der man die ganze Zeit darauf wartet, dass etwas kommt, was den Streifen noch irgendwie rettet. Die spannendsten zwei Minuten der insgesamt drei Stunden will ich nicht verpassen. Dabei wäre ich bestens vorbereitet. Heute Morgen hatte meine Mutter mir feierlich ihre Taschenlampe in die Hand gedrückt, damit ich in solchen Fällen auch ja meinen Platz wiederfinde. Darüber brauche ich jetzt allerdings nicht mehr nachzudenken, denn der Abspann läuft über den Bildschirm. Ich glaube, das Beste am Kinobesuch war die ansteckende Lache des Mannes, der neben meiner Jacke gesessen hat und dessen Sitz immerzu gequietscht hat wie eine Matratze unter zwei Liebenden. Am Ende springen alle ruckartig auf, als könne man etwas gewinnen, wenn man als erster wieder draußen ist. Wir sind die Ersten, die draußen sind und wir haben auch etwas gewonnen: Eine Delle in unserem Auto.