LUXEMBURG
SVEN WOHL

Lohnt es sich, auch bei Populärkultur genauer hinzusehen?

In den vergangenen Monaten wurde unter anderem kontrovers über den Film „Superjhemp Retörns“ diskutiert. In den Medien wurde unter anderem darauf verwiesen, dass es durchaus legitim sei, auch über Populärkultur zu sprechen, würde diese doch einiges über die Luxemburger und deren Selbstverständnis verraten. Wir führten ein kurzes Gespräch mit Professor Doktor Andreas Fickers von der Universität Luxemburg. Der Direktor des „Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History“ beschäftigt sich unter anderem auch mit der populären Kultur.

Hat die Populärkultur Probleme, in den Geschichtswissenschaften Fuß zu fassen?

Andreas Fickers Ja, die Populärkultur hatte da einen viel schwereren Stand als die sogenannte Hochkultur. Dagegen kämpfen aber seit drei Jahrzehnten Generationen von Kulturwissenschaftlern und Historikern an, mit Erfolg! Das zeigt sich auch daran, dass viel mehr zu dem Thema geforscht und publiziert wird. Auch größere Forschungsprojekte in dem Bereich werden nun gefördert. Früher war es schwierig, solche Forschungsarbeiten zu finanzieren. Ich glaube, Populärkultur ist mittlerweile im Mainstream der generellen Geschichtswissenschaft angekommen - zu Recht, wie ich behaupten würde. Es ist eben etwas, was Menschen sehr viel mehr in ihrem alltäglichen Leben berührt und prägt, als hochkulturelle Formate wie Oper oder Theater, die mittlerweile eher zu Eliteveranstaltungen geworden sind.

Lässt Populärkultur Schlüsse auf soziale Gegebenheiten zu?

Fickers Damit muss man natürlich immer sehr vorsichtig sein. Es geht ja bei Filmen nicht darum, ob es repräsentativ ist - das ist ein sehr schwieriger Begriff. „Wie repräsentativ ist Superjhemp für Luxemburg?“, ist eigentlich die falsche Frage. Es geht hier eher um das Exemplarische: Anhand eines populären Films, Comics oder Lieds kann man selbstverständlich Rückschlüsse auf soziale, kulturelle oder politische Werte, Normen und Milieus ziehen. Allerdings nicht, wie gesagt, mit dem Anspruch, dass dies repräsentativ für eine ganze Gesellschaft ist.

Wir haben ein größeres Forschungsprojekt zusammen mit der Universität Saarbrücken „Populärkultur Transnational“, wo wir sechs Doktoranden und mehrere Professoren der Uni Luxemburg und Uni Saarbrücken zusammengeführt haben. In dem Projekt erforschen wir transnationale Zirkulationsprozesse im Bereich der Populärkultur. Wir erforschen hier u.a. populärkulturelle Formate im Fernsehen, Radio, Comic und Amateurfilm. Populärkulturelle Formate und Produkte eignen sich meiner Meinung nach dafür, Spannungsfelder in einer Gesellschaft zu identifizieren. Diese können generationeller, politischer oder ästhetischer Natur sein. Genau an diesen populärkulturellen Debatten lassen sich diese Spannungen festmachen, weil Populärkultur teilweise provoziert, herausfordert und karikiert. Das ist für den Historiker ein interessantes Studienobjekt, um gesellschaftlichen Debatten zu rekonstruieren.

Das ist auch wichtig für die Schaffung eines kulturellen Diskurses. Wobei Luxemburg ja oft von innen vorgeworfen wird, dass dieser nicht existiert...

Fickers Das hängt davon ab, woran man es aufhängt. Muss es einen nationalen Diskurs geben? Das halte ich für fragwürdig. Ich glaube, ein guter Diskurs zur Kultur zeichnet sich durch die Vielfältigkeit aus. Dass unterschiedliche Gruppen unterschiedliche Diskurse führen, ist völlig normal. Es wäre verwogen zu erwarten, dass es eine nationale Debatte und Diskurs dazu geben müsste. Es wäre allerdings interessant, wenn es spezielle Foren gäbe, wo dieser Austausch und diese Diskussionen stattfinden würden. Hier gibt es in Luxemburg auch sicherlich Ansätze dazu - im Radio bei 100,7 zum Beispiel. Ich glaube nicht, dass Luxemburg hier schlechter da steht als die Nachbarländer. Es ist ein Klischee, dass ein solcher Diskurs in Luxemburg fehlt.

Hat es einen Vorteil, Populärkultur gleich zu besprechen oder sollte man sich nicht doch den Luxus zeitlicher Distanz gönnen?

Fickers Als Historiker sagt man natürlich immer, dass es von Vorteil ist, eine zeitliche Distanz zum Objekt zu haben. Das erlaubt auch, gewisse Dinge etwas klarer, etwas schärfer zu sehen. Auf der anderen Seite lebt die Populärkultur gerade auch von der zeitgenössischen Debatte. Die muss man natürlich führen, wenn diese Produkte und Formate aktuell sind. Wir versuchen als Zeithistoriker uns vom Forschungsobjekt zu distanzieren, sind jedoch immer auch Teil dieser Zeit und unsere eigenen Normen und Wahrnehmungsweisen spielen, ob sie das wollen oder nicht, eine Rolle. Deshalb finde ich es wichtig, dass man sich auch als Historiker in diese Debatten einmischt. Wir müssen nicht 30 Jahre warten, ehe wir was dazu sagen können!

Zum Projekt

Popkult60

Bei „Popkult60“ handelt es sich um eine interdisziplinäre Forschergruppe bestehend aus Mitgliedern des „Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History“ (C²DH), des „Institute for History“ (IHIST) der Universität Luxemburg und der Universität des Saarlands. Dabei wird die Populärkultur der 1960er Jahre unter dem Titel „Populärkultur Transnational – Europa in den langen 1960er Jahren“ behandelt. Dabei wird auch auf die Dynamik des grenzübergreifenden Austauschs eingegangen. Auf popkult60.eu findet man neben den Publikationen auch einen Blog sowie mehrere Podcasts zu dem Thema.