LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Microsoft-Landesmanager Candi Carrera über die Coronakrise und was Unternehmen daraus dank Künstlicher Intelligenz gelernt haben

Diese Woche fand die ICT Spring Konferenz statt – wie so vieles digital. Einer der Redner dort war Candi Carrera, Landesmanager von Microsoft für Luxemburg. Er teilte seine Ansichten über das, was in der Krise über Künstliche Intelligenz klar wurde. Wir haben bei ihm nachgefragt, was Luxemburg daraus gelernt hat.

In den Augen von Candi Carrera hat die Coronakrise unter anderem einen Schub der Telearbeit bewirkt Fotos:  Microsoft - Lëtzebuerger Journal
In den Augen von Candi Carrera hat die Coronakrise unter anderem einen Schub der Telearbeit bewirkt Fotos: Microsoft

Herr Carrera, die Coronakrise hatte wirtschaftliche und soziale Folgen. Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz dabei?

Candi Carrera Das Ausmaß der Branchen, die betroffen waren, ist enorm und war vorher unvorstellbar. Ich bin 48 und habe schon allerhand gesehen. Wenn ich mir die Folgen für den Tourismus, das Event Management oder die Luftfahrt ansehe, hätte ich mir das nie vorstellen können. Alle wurden kalt erwischt, kein Krisenmanager hätte ein solches Szenario voraus gesehen. Doch die Unternehmen mussten reagieren und einige Leute, die ihren Mitarbeitern zuvor nicht vertraut haben, haben gesehen, dass dank Telearbeit viel möglich war. Die Menschen mussten ja von zu Hause aus arbeiten. Viele haben mehr gearbeitet als vorher. Und diese Telearbeit wurde auch von KI, also Künstliche Intelligenz, unterstützt. Die wurde durch die Krise beflügelt.

Warum hat die Krise Künstliche Intelligenz gefördert?

Carrera Das war wie ein Echtzeittest. Seit 2016 waren einige Kunden in dem Bereich aktiv und haben in ihrem Rhythmus gearbeitet. Aber dann musste es schnell gehen. Für mich ist das im Vergleich mit anderen Krisen das erste Mal, seit wir KI haben, dass wir wirklich die Vorteile sehen konnten. Zuvor gab es viele Diskussionen um ethische Probleme oder Transparenz. Und dann wurde KI in Wirklichkeit umgesetzt. Die Wirkung war sehr bemerkenswert.

Können Sie Beispiele nennen?

Carrera Der erste Bereich ist die Wissenschaft und die medizinische Anwendung. Denn die ersten, die das nutzen, waren Ärzte und Notaufnahmen. Die wurden überrannt, denn die Menschen hatten Panik, sobald ihre Nase lief. Die Call Center der Notfallaufnahmen waren vollkommen überlastet. Ein Beispiel ist das Kopenhagener Krankenhaus. Dort wurde innerhalb von zwei Tagen ein Health Bot gemacht. Das sind virtuelle Agenten oder Chatbots, die Anrufe bearbeiten. Dafür wurden Entscheidungsprozesse als Frageablauf digitalisiert und dann von Chatbots abgearbeitet. In Kopenhagen haben die Healthcare Bots Mitte März am ersten Tag 30.000 Anrufe bearbeitet. Ein weiteres Beispiel aus dem medizinischen Bereich ist die Telemedizin: Auch in Luxemburg hatten Patienten Angst, in Kliniken zu gehen; beispielsweise Krebspatienten. Deshalb haben hier und weltweit Ärzte Telemedizin genutzt. Manchmal braucht man eine Krise für den Wandel. Ein drittes Beispiel aus der Medizin: Das COVID-19-Virus liefert in bildgebenden Verfahren der Medizin ein besonderes Bild, das noch nicht so bekannt war, aber digital schnell verbreitet werden konnte, um die Diagnose zu verbessern.

Gibt es auch andere Anwendungsbereiche als die Medizin?

Carrera Ein Beispiel ist Big Data in der Bildung. Im Centre de gestion informatique de l‘éducation in Luxemburg gab es während der Hochzeit der Krise rund 95.000 Lehrer und Schüler, die Videokonferenzen nutzten. Doch wir haben nicht alle vorzeigbare Büros. Deshalb bieten wir die Möglichkeit an, dass Nutzer den Hintergrund verschwommen darstellen; das so genannte blurring. Da konnte man das Gesicht des Nutzers sehen, aber nicht den Hintergrund, nicht Menschen, die sich bewegen. Das funktioniert auch mit komplexen Hintergründen. Viele wissen nicht, dass hinter dieser Anwendung eine Menge KI steckt. Wir haben das noch weiterentwickelt mit convolutional neural networks, selbstlernenden, komplexen Netzwerken. Unsere Forscher haben diese Netzwerke mit verschiedenen Hintergründen gefüttert, damit sie lernen, Gesichter und Hintergründe zu unterscheiden. Ein Beispiel: Ist ein Headset ein Teil des Hintergrunds oder nicht? Diese Netzwerke müssen sehr stark trainiert werden, dann werden sie immer besser. Dahinter steckt KI. Das wird auch bei der Abwasseranalyse genutzt.

Wie funktioniert das?

Carrera Resultate der Massentests korrelieren mit COVID-19-Resultaten im Abwasser. Daher untersucht das Luxembourg Institute of Science and Technology unter anderem das Abwasser von rund 140.000 Leuten in Beggen. Das erlaubt ein Monitoring der Situation. Es ist auch deshalb interessant, weil auch beim Testen Fehler auftreten können. Das LIST bezieht Daten von 14 solcher Teststationen. Hier geht es nicht um Big Data, sondern um Datensammlung, die korreliert wird mit anderen Statistiken. Das ermöglicht Vorhersagen, wenn sich bestimmte Faktoren ändern. Dabei wiederum kann KI helfen und das hat das LIST auch genutzt.

KI hat nicht nur Vorteile.

Carrera Nein, es gab Leute, die versucht haben, User zu hacken, um an Firmendaten zu kommen. Das war ein weltweites Phänomen, das wir beobachten konnten. Unsere Kunden – und da gibt es viele Beispiele – erhielten von uns darüber sehr schnell Information. Denn wenn es einen Angriff irgendwo in der Welt gibt, lernen wir daraus schnell und können in manchen Fällen schon eine Viertelstunde später unsere Kunden schützen. Das zweite Thema sind Tracking Apps für COVID-19. Jedes Land hat eine andere Datenschutzkultur. Damit eine solche App funktioniert, müssen möglichst viele Menschen mitmachen. Aber einige Apps wurden von kommerziellen Anbietern und nicht von Regierungen aufgesetzt. Daher kamen Fragen und berechtigte Sorgen auf. Darüber hinaus liefen gezielte Desinformationskampagnen, oft mit dem Ziel politischer Beeinflussung.

Hat KI in Luxemburg seither zugenommen?

Carrera Für mich ist größte Wirkung die Akzeptanz von Telearbeit als Mittel, die Gesellschaft resilienter zu machen. Das hat mehr positive als negative Aspekte gebracht. Luxemburg als Land hat sich der Telearbeit zugewandt. Viele wissen nicht, wie viel KI dahinter steht. Das ist auch gut so. Denn KI soll nicht Menschen ersetzen, sondern sie unterstützen.