PATRICK WELTER

Wenn es eine wirklich komplizierte Sache in der Landwirtschaft gibt, dann ist es Weinbau. Angesichts von Wetterkapriolen, fiesen Schädlingen und argentinischem Billigwein wundert sich der Laie, wie das mit dem Weinmachen überhaupt funktionieren kann, insbesondere im kleinen Luxemburg.

Hier kam lange eine ganz besondere Philosophie hinzu: Hauen und Stechen zu jeder Gelegenheit. Die luxemburgischen Winzer waren lange ausgesprochen rauflustig - im verbalen Sinne. Privatwinzer gegen Genossenschaftswinzer, beide gegen den Weinhandel und am nächsten Tag wechselte die Konstellation... Die extremen Zeiten sind lange vorbei, aber es hat Jahre gebraucht, bis alle gemerkt haben: Nur zusammen kommen wir voran.

Am Mittwoch fiel nach der Pressekonferenz im Landwirtschaftsministerium im Gespräch ein denkwürdiger Satz „Das ist das eigentliche Wunder!“ Gemeint war nicht die von EY vorgestellte Zukunftsstrategie, sondern die Tatsache, dass der Präsident der Genossenschaftswinzer und der Präsident der Privatwinzer einträchtig und reibungslos zusammenarbeiten. Das ist für die Zukunft des luxemburgischen Weinbaus viel wichtiger, als die Entwicklungsstrategie von EY, die sicherlich eine Fleißaufgabe war, aber weder von Zielsetzung noch von den ausgewählten Mitteln her überraschte. Immerhin wurde so das vorhandene breite Ideenpotenzial gebündelt und kann jetzt umgesetzt werden. Es gibt keinen anderen langfristigen Weg als auf Qualität zu setzen.

Wirklich neu ist nur die Arbeitsverteilung auf eine Strategiekommission, einen hauptamtlichen Macher - im EY-Papier als „Pilot“ bezeichnet, was auf Deutsch eigentlich „Lotse“ heißt - und die unter ihm angesiedelten Arbeitsgruppen aus dem Weinbau. Gut ist auch die Idee einen Controller für alle Marketingmaßnahmen einzustellen. Viel zu viel ist in den letzten Jahren ins Leere gelaufen, die berühmte „Commission de Promotion“, volkstümlich „Propagandakommission“, stand wegen anhaltender Erfolglosigkeit sowieso schon auf der Streichliste. Mit dem neuen Konzept wird sie elegant entsorgt.

Eine der Leidtragenden des neu entdeckten Zusammenhalts der luxemburgischen Winzer und Weinhändler ist die Messegesellschaft - deren mangelnde Flexibilität wurde vom Weinbau entsprechend beantwortet: „Wir machen jetzt unser eigenes Ding!“ Unter dem Stichwort „Expovin“ arbeiteten bei einer reinen Weinmesse in der Victor-Hugo-Halle nicht nur die Privatwinzer, die Genossenschaftskellerei „Vinsmoselle“ und der heimische Weinhandel zusammen, erstmals waren bei der Gemeinschaftsaktion auch die heimischen Wein-Importeure mit im Boot.

Und was war? Die „Expovin“ war ein Erfolg. Die Frage, ob diese Messe schon auf der Entwicklungsstrategie von EY beruhte, verneinte Antoine Clasen (Weinhandel) zwar, meinte aber, dass sie in deren Geist entstanden sei. Dieser „Geist“ geht den richtigen Weg.

Wie sich Luxemburg als kleines Land mit schräg anmutenden Ideen wie dem „Space Mining“ behauptet , so muss auch der luxemburgische Wein seine kleine feine Nische finden. Was vor 25 Jahren mit dem Crémant gelang, sollte auch für den Wein machbar sein: Gemeinsam ein Alleinstellungsmerkmal entdecken, mit dem man als kleiner Anbieter in der weiten Weinwelt bestehen kann.