PAUL GALLES

Mit Weihnachten steht bekanntlich die besinnliche Zeit vor der Tür. Doch besinnen wir uns tatsächlich noch? Wie besinnlich kann diese Zeit überhaupt heutzutage noch sein? „Was ist das Wahre an Weihnachten?“, fragt sich deshalb Paul Galles, Theologe und Verantwortlicher von Young Caritas und noch dazu Preisträger des diesjährigen „Prix du Citoyen“ des EU-Parlaments.

„Ist es nun gut oder schlecht, dieses ,Wort des Jahres 2016‘: ,postfaktisch‘? Oder wäre es nicht besser das ‚Unwort des Jahres‘? Und verstehe ich es überhaupt? Ich suche im Internet. Übersetzung: auf Gefühlen, nicht auf Tatsachen beruhend. Das bedeutet: nicht wissenschaftlich nachprüfbar und deswegen der Gefahr unterworfen, eine Lüge zu sein. Entstanden ist es im Kontext der „Fake-News‘: Weil wir heute mit so viel Informationen überschwemmt werden, prüfen wir kaum noch Quellen. ,Falsche Nachrichten‘ werden für wahr gehalten. Für Fakten, die gar keine sind. Und schon ist die Manipulation perfekt.
Manche Menschen haben Weihnachten schon lange für ,postfaktisch‘ gehalten, oder vielleicht eher ,prä-faktisch‘: eine schöne Geschichte, die auf keinen Fakten beruht und die Gemüter erwärmen soll. Aber eigentlich keine Wirklichkeit. Eigentlich überflüssig. Oder sogar falsch?

Fakt - oh, da ist es ja, das überholte Wort - ist, dass Menschen an Weihnachten ,irrational‘ werden. Sie nehmen sich in den Arm, essen zusammen, reden miteinander, beschenken sich. Lauter Dinge, die im privaten Bruttosozialprodukt nicht auftauchen. Außer dass sie uns ,ein gutes Gefühl‘ geben. Also ganz subjektiv, emotional. Wenn man ,so hinspürt…‘.

Dann wäre es ja gut, wenn Weihnachten postfaktisch wäre, weil dann Gefühle fließen dürfen. Es tut doch echt mal gut, die trockene Rationalität für ein paar Tage an den Baum zu hängen. Doch ist es eine Lüge? Oder versteckt das Fest eine andere Art von Wahrheit als eine rein wissenschaftliche?
Was ist das Wahre an Weihnachten? Kaum jemand kommt es in den Sinn, die ,Fakten‘ der Weihnachtsgeschichte zu prüfen. Theologen haben es getan und herausgefunden: Jesus gab es, und auch die geschichtlichen Umstände gab es. An ihnen kann ermessen werden, dass Jesus wohl 4 oder 7 vor Christus geboren wurde. Wenn das nicht ,postfaktisch‘ ist!

Aber die genauen Umstände, wie sie in der Bibel beschrieben werden, sind theologisch interpretiert. Das heißt: kein Polizeibericht, sondern ein Glaubensbericht. Die Autoren haben - wie in einem Gedicht - beschrieben, welche Bedeutung sie in Jesus sehen. Würde man es einem Verliebten mit rotem Stift als falsch unterstreichen, wenn er in seinem Liebesbrief schreibt: ,Ich hole dir den schönsten Stern vom Himmel‘? Man würde ihn kaum zu Minister Schneiders ,Space Mining‘ abbestellen. Was ist also das poetisch, theologisch, menschlich Wahre an Weihnachten? Das Ultra-Faktische? Dass Gott ein Kind wird. Das heißt: Dieser Gott setzt sich nicht durch, sondern braucht Hilfe.

Dass Jesus als Messias, als Retter gedeutet wird. Es bedeutet: Wir brauchen einen Neuanfang. Radikal. Ganz anders. Und der kann nur menschlich gelingen. Von unten. Mit Herzen. Die neuen Fakten sind nicht das Wissen, die Macht oder der Wahn, sondern die Liebe, das Verzeihen, das Anfangen. Dass Maria vom Erlöser behauptet, dass er die Mächtigen vom Thron stürzen wird. Die Umkehrung der Werte. Die ,option préférentielle pour les pauvres‘. Wann lernen wir es endlich?

Weihnachten ist so faktisch! Und so wichtig für unsere postfaktische Welt, in der plötzlich nichts mehr sicher erscheint. Denn irgendwie gibt es uns doch mitten in allen möglichen Lügen noch eine kleine Orientierung, was richtig sein könnte. Und eines ist doch trotz allem sicher: Menschlichkeit und im anderen etwas Göttliches und Schönes zu sehen, das ist irgendwie immer richtig! Deswegen: Frohes Fest!“