Da sagt ein deutscher Bundespräsident bei einer deutsch-polnischen Erinnerungsfeier auf der Westerplatte, genau dass, was die Polen hören wollen und die vernagelte links außen Linke schreit gleich „Kriegstreiberei“. Wenn ein Deutscher Präsident an der Stelle, wo 1939 der zweite Weltkrieg begann, Polen und anderen ostmitteleuropäischen Staaten in klaren Worten die Unterstützung gegen einen irrational handelnden russischen Präsidenten zusagt, können sich die Reaktionen nicht deutlicher unterscheiden: Polen und Balten fühlen sich endlich in ihren Ängsten verstanden. Die DDR-Nostalgiker und luxemburgische KPL-Blätter nehmen das übel. Zu schön sind doch die alten Feindbilder.
Wer oft in Polen ist und mit den Menschen dort über Politik spricht, lernt eines ganz schnell: Der durchschnittliche Pole hat viel weniger Angst davor, von den Deutschen überfallen, als von den Russen befreit zu werden. Natürlich gibt es weder „die Polen“ noch „die Russen“, aber der Präsident in Moskau tut alles um die alten Feindbilder wiederzubeleben. Schon die Zaren wollten an die Dardanellen. Als Väterchen Stalin 1945 glaubte, endlich seine Rote Fahne an einem Mittelmeerstrand hissen zu können, wurde dieser Traum von Josip Broz, genannt „Tito“, zerstört.
Gedankenspiele vor einigen Tagen in der Redaktion: Wohin will Putin? Die extremste Ansicht lautete: „Bis zur rumänischen Grenze!“ Ob mit oder ohne Moldawien blieb noch offen, beides erschien ziemlich extrem. Die weniger pessimistischen Redakteure setzten darauf, dass Väterchen Putin ja schon die Krim hat, und ihm nur noch die Landbrücken zur Versorgung der Halbinsel fehlten.
Was macht der Herrscher aller Reußen? Er holt das zaristische Gerippe „Neurussland“ aus der Moderecke der Geschichte. Wer es noch nicht weiß, der Begriff stammt von Fürst Potemkin und seiner Zarin Katharina II. Es war beiden gelungen die Schwarzmeerküste samt Hinterland vom Asowschen Meer bis zum Dnjestr den Osmanen zu entwinden, das war dann „Neurussland“. Es gehörte fortan zum Zarenreich, später zur Sowjetunion. De facto handelt es sich um die ganze Südukraine. Bevor jetzt Putinophile frohlocken, es sei doch alles russisch, seien sie daran erinnert, dass selbst in dunkelsten Sowjetzeiten die Ukraine als formal eigenständiger Staat innerhalb der Union galt.
Der nach dem Oblast Kaliningrad (Nord-Ostpreußen) westlichste Vorposten des alten und neuen Russlands liegt in Transnistrien. Dieser selbst ernannte Staat, ein Museum des alten Sowjetstaats auf, östlich des Dnjestr liegenden, moldawischem Territorium, wird nur von Moskau anerkannt. Aus gutem Grund, denn wo ein Brückenkopf ist, kann man Lücken schließen. Putin redet jetzt schon ganz ungezwungen davon Kiew in 14 Tagen einnehmen zu können.
Putin führt Außenpolitik nach dem Lehrbuch des Despoten: Feindbilder aufbauen, die eigene Bevölkerung für dumm verkaufen und nach jedem Diebstahl „Haltet den Dieb“ rufen. Wenn niemand Väterchen Vladimir in den Arm fällt, was angesichts seines atomaren Arsenals unwahrscheinlich ist, wird er weitermachen - bis zur Donaumündung. Man kann nicht pessimistisch genug sein.


