LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Neue Ausstellung im Casino Luxembourg: „Love Is the Institution of Revolution“ von Mikhail Karikis

Film, Ton, Performance, Fotografie und Installation sind die Elemente, die der Künstler Mikhail Karikis in seinen Arbeiten miteinander verbindet, beziehungsweise derer er sich bedient, um ein zusammenhängendes Ganzes mit tieferem Sinn zu formen. Er ist zugleich Forscher und Wissenschaftler, Künstler und auch ein bisschen Philosoph und noch dazu ein großer Enthusiast. „Love Is the Institution of Revolution“ lautet der tiefgründige Titel seiner Ausstellung, die ab Samstag im „Casino Luxembourg - Forum d’art contemporain“ zu sehen ist. Es ist seine erste Einzelausstellung in Mitteleuropa; initiiert vom Casino Luxembourg und ein Gemeinschaftsprojekt mit dem „Middlesbrough Institute of Modern Art“ in Großbritannien.

Der in London lebende griechisch-britische Künstler (geboren 1975 in Griechenland) setzt sich seit Jahren in seinen Arbeiten mit der Stimme als formbarem Material und politischem Instrument auseinander. Unüberhörbar spielt bei dieser aktuellen Ausstellung der Sound eine wesentliche Rolle.

Dynamisch und poetisch

Bereits die einzelnen Komponenten des Ausstellungstitels - „Love Is the Institution of Revolution“ - klingen kraftvoll, gleichzeitig aber auch poetisch. Die Wortkonstellation lässt die Dynamik, die Energie und letztlich die Poesie erahnen, die in den Exporäumen dann auch tatsächlich spürbar wird. Die teils psychedelischen Klänge, die aus den verschiedenen Musikboxen ins Ohr des Besuchers drängen und sich je nachdem, wo man steht, in eine bizarr verzerrte Klangkulisse vermischen, verleihen dem Ganzen noch dazu etwas Mysteriöses.

Was Karikis rezente Arbeiten auszeichnet, ist zu einem großen Teil bereits die Story, die dahinter steckt. Häufig erarbeitet er nämlich mit verschiedenen Gemeinschaften ortsspezifische Performances, die er mit der Videokamera festhält. Es geht ihm darum, alternative Formen menschlicher Existenz zu zeigen.

Zukunftsvisionen der heutigen Jugend

Die aktuelle Ausstellung präsentiert zwei Projekte des Künstlers: „Children of Unquiet“ (2013-15) und „Ain’t Got No Fear“ (2016-17). In beiden Arbeiten geht es um die Zukunftsvisionen der heutigen Jugend, dies vor dem Hintergrund einer besonders in Europa schnell fortschreitenden Postindustrialisierung des Westens. Der Künstler zeigt, was die Jugend von den älteren Generationen geerbt hat, nämlich insbesondere die Folgen diverser Krisen, von der Umwelt- bis zur Finanzkrise. Besonders deutlich wird dies in seiner künstlerischen Vision, die er in seinen Filmen zu transportieren versteht. Doch auch den Fotografien fehlt es nicht an Ausdrucksstärke.

Im Südosten Englands entstand „Ain’t Got No Fear“, dies in einer ehemaligen Industriestätte. Die Ortschaft ist geprägt vom Abriss der Fabrikhallen, in denen einst der größte Teil der Einwohner eine Anstellung fand. Den Kindern bleiben kaum noch Zukunftsperspektiven in der Heimatstadt. Karikis tauchte während seines Aufenthalts in das Leben der jungen Leute ein, die regelmäßig geheime Partys („Raves“) im Wald veranstalten. Schließlich organisierte er Workshops in Zusammenhang mit Musik und bewegte die Jugendlichen dazu, gemeinsam einen Song über die verschiedenen Etappen ihres bisherigen Lebens sowie die ungewisse Zukunft zu schreiben. Das Resultat ist im Casino in einem bemerkenswerten Video zu sehen, in dem über die Vergangenheit reflektiert sowie über die Gegenwart nachgedacht wird, sich aber genauso auch die Zukunft ausgemalt wird.

Für „Children of Unquiet“ hatte es den griechisch-britischen Künstler nach Italien in die Toscana verschlagen. Auch dort interessierte ihn die einst blühende Industriegeschichte eines Städtchens, das sich im
geothermalen Gebiet des „Devil’s Valley“ befindet. Dieses inspirierte indes bereits Dante für die Beschreibung seines „Inferno“. Bis vor kurzem lebten dort noch 5.000 Arbeiter mit ihren Familien. Inzwischen stehen die Arbeiterwohnungen leer und befinden sich im Verfall, ganze Ortschaften sind verlassen. Für die Menschen, die noch in der Gegend leben, und vor allem die Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren, interessierte sich der Künstler. Mit ihnen hat er in verschiedenen Workshops und Gesprächen ein beeindruckendes Video zusammengestellt, das in drei fünfminütige Kapitel unterteilt ist. Im letzten Teil des Films stürmen die Kinder die Geisterstadt. Wir sehen, wie sie die ehemalige Industriestätte für ihre eigenen, fantasievollen Zwecke nutzen.

Interessante Denkansätze

Karikis‘ Arbeiten stecken voller neuer Denkansätze über das Schicksal von Orten, die industriell den Anschluss verpasst haben und spiegeln die Gedanken der Generation wider, die durch die gesellschaftlichen Veränderungen am meisten betroffen ist. Ohne detailliertes Hintergrundwissen in die Ausstellung zu gehen, ist kein Hindernis, im Gegenteil, die Sound-Werke sind derart kraftvoll, dass die eigene Vorstellungskraft ganz von alleine angekurbelt wird.

Die Ausstellung läuft vom 1. Juli bis zum 15. Oktober. Alle Infos unter www.casino-luxembourg.lu