LUXEMBURGCLAUDE MÜLLER

Dritter Teil der Reihe „Jazz in Switzerland“

Durch die vielfältigen musikalischen Aktivitäten seines Vaters, Altsaxophonist Flavio Ambrosetti, Mitte des letzten Jahrhunderts ein Pionier des europäischen
Be-Bop, Gründer des „Estival Jazz Lugano“ und eines der bedeutendsten Aushängeschilder des Schweizer Jazz, kam der junge Franco Ambrosetti auf den Geschmack dieser damals noch raren Musik. Flavio
Ambrosetti, Fabrikant und Inhaber einer Maschinenfabrik, der immer nur als Amateur tätig war, nahm den jungen Franco schon früh zu Jazzkonzerten mit und laut Franco war es der Besuch eines Konzerts der Stan Kenton Big Band in Mailand, bei dem ein Solo von
Conte Candoli seine Liebe zum Jazz und zur Trompete schon als 12-Jährigen entflammen ließ.

Anfänge beim Vater

Franco Ambrosetti verdiente sich seine ersten Sporen in der Band des Vaters und entschloss sich 1966, ausgerechnet nachdem er vor Randy Brecker, Tomasz Stanko und Claudio Roditi den ersten Preis beim Wiener Festival „International Competition For Jazz“ gewonnen hatte, wie sein Vater nicht Berufsmusiker zu werden, sondern sein Leben als Großindustrieller zu verdienen.

Nach einer etwa 45-minütigen Bluessession mit Charles Mingus fragte dieser, ob er sich seiner Band für drei Konzerte anschließen wolle. Daraufhin erzählte sein Vater Mingus, dass Franco keine Noten lesen könne, mit dem Hintergedanken an das Fortbestehen des Familienbetriebs. Obschon Franco sich dann für ein Leben in der „Haute Bourgeoisie“ entschied, ist die Liste der bedeutenden Musiker, mit denen der mittlerweile 72-Jährige, heute Vorsitzender der Tessiner Handelskammer, zusammengearbeitet hat, extrem lang.

Ebenfalls mit einer erstaunlichen, zwar eher bedenklichen Anekdote kann Bruno Spoerri aufwarten, der erstmals elektronische Musik in Verbindung mit Jazz praktizierte. Der Meister der synthetischen Klänge, der in den 1950er Jahren als Saxofonist in verschiedenen Combos tätig war, machte bei einer Jam Session die Bekanntschaft von Gerry Mulligan, der ihm einen Job als Baritonsaxofonist in seiner Big Band anbot. Als Spoerri ihm eine Woche später nachreiste, um den Kontakt mit Mulligan aufrecht zu erhalten, meinte dieser nur: „Who Are You?“. Damit war schon der Schlussakkord der Jazzkarriere Spoerris verklungen. Dennoch blieb Spoerri dem Jazz als Autor und Programmchef des „Zürcher Festivals“ neben seinen Aktivitäten als Studiomusiker eng verbunden.

Aufgabenteilung mit Quincy Jones

Nach den bereits vorgestellten Initiatoren der Jazzfestivals Lugano und Zürich gesellt sich als Dritter ein Nichtmusiker zum Bunde, nämlich der weltweit geschätzte Impresario Claude Nobs, der vorletztes Jahr nach einem Skiunfall im Alter von 72 Jahren verstorben ist. Nobs gründete 1967 das international bekannte „Montreux Jazz Festival“, das er bis zu seinem Tode, in den 1990er Jahren in Zusammenarbeit mit Quincy Jones, leitete.

Mit der sprichwörtlichen Schweizer Präzision - siege die Uhrenindustrie - werden gerne die einheimischen Schlagzeuger verglichen. Neben den schon erwähnten Stützpfeilern der europäischen Szene Daniel Humair und Pierre Favre sind es vor allem Peter Giger und Fredy Studer, die durch originelle Projekte in den wichtigsten europäischen Begegnungsstätten des Jazz von sich reden machten.

Giger, der in den 1960er Jahren seine Anfänge bei der Claude Bolling Big Band machte, hat mit seiner „Family of Percussion“, eine viel beachtete Formation gegründet, mit der er in Workshop ähnlichen Konzerten mit unzähligen internationalen Gueststars nahezu die ganze Welt bereiste. Eine ähnliche Karriere machte der 1948 in Luzern geborene Fredy Studer, der in Europa die Führungsrolle der Schweizer Schlagzeuger verkörpert. Auf diese Liste gehört mittlerweile auch der erstklassige Perkussionist Rheto Weber.

Volksmusiknote

Erstaunlich ist, dass gleich zwei der bedeutendsten europäischen groß orchestralen Ensembles Schweizer Ursprungs sind. So gehört, neben der „Concert Jazz Band“ von George Gruntz, das von dem Arrangeur und Komponisten Mathias Ruegg ins Leben gerufene „Vienna Art Orchestra“ ebenfalls zur Weltelite in Sachen Big Bandjazz. Das Orchester, das neben der einmaligen Arrangeurkunst des Leaders, immer in Bezug auf die Tradition der legendären Bands der Jazzgeschichte und durch die sensationellen Soli der einzelnen Solisten, wie z.B. Saxofonist Roman Schwaller, lebt, wurde 1977 gegründet. Inzwischen hat auch die Ausnahmekünstlerin Erika Stucky durch ihre originellen Projekte, die teilweise Schweizer Volksmusik mit Jazz in avantgardistischen Formen verarbeitet, Weltruhm erlangt.

Seit der Jahrtausendwende gab es in der Schweiz immer größere finanzielle Förderungsmittel, die es erlauben die Zukunft dieser Musik zu sichern und z. B. Lehrgänge in den Musikhochschulen Bern und Basel zu ermöglichen.