LUXEMBURG/ SHANGHAICORDELIA CHATON

Michelle Stein verbringt drei Monate im „Luxembourg Trade and Investment Office“

Seit zwei Monaten arbeitet Michelle Stein in Shanghai als Praktikantin des „Luxembourg Trade and Investment Office“ (LTIO). Wir haben die 25-jährige Luxemburgerin gefragt, wie sie an das Praktikum gekommen ist und was sie in der Boomtown macht. Denn die Stadt mit 26 Millionen Einwohnern gilt als als Chinas Tor zur Welt und Wirtschaftsmetropole.

Frau Stein, wie kommen Sie an ein Praktikum in Shanghai?

Michelle Stein Vor rund einem Jahr habe ich eine Annonce im „Paperjam“ gesehen, in der die Praktika der Luxemburger LTIOs beworben wurden. Die Bedingung war, dass man schon fertig mit dem Studium ist. Ich habe zuerst in Brüssel allgemeine Betriebswirtschaft bis Juni 2018 studiert. Danach habe ich noch in London einen Master in Business Innovation und Digital Marketing drangehängt, gefolgt von sechs Monaten Praktikum, das ich im „House of Startups“„ abgeleistet habe. Zuvor hatte ich schon Erfahrung in mehreren, kurzen Praktika gesammelt. Mit diesen Kenntnissen habe ich mich dann beim Wirtschaftsministerium beworben und wurde ausgewählt.

Konnten Sie schon Chinesisch?

Stein Nein, ich habe in Brüssel zwar schon Chinesischkurse belegt und eigentlich wollte ich das auch nochmal wiederholen. Also war ein Grundwissen über den Aufbau der Sprache vorhanden. Aber wenn man nicht übt, verlernt man es. Der Wortschatz ist weg, kommt jedoch schnell wieder. Man braucht Zeit (lacht), die hat mir gefehlt. Darüber hinaus war es auch nicht Voraussetzung, um hier genommen zu werden.

Wie sind sie in Shanghai untergekommen?

Stein Über Airbnb habe ich eine erste Wohnung gefunden, mit der ich Glück gehabt habe. Sie ist zentral und gut gelegen. Bis zur Arbeit sind es nur 20 Minuten zu Fuß. Die Wohnung liegt in einem der wenigen Viertel mit viel altem Baubestand und Bäumen, das wohnlicher wirkt, weil es weniger Hochhäuser gibt, der so genannten „French Concession“, die nach 1849 eine zeitlang von den Franzosen verwaltet wurde. Es ist sehr beliebt. Im Anschluss an den ersten Mietvertrag hatte ich eine zweite Wohnung über Airbnb in der gleichen Straße, die wieder ein Glücksgriff war. Die Praktikantin, die zuvor hier war, hatte mir schon geraten, hierher zu ziehen. Die Gegend ist toll. Jetzt bin ich schon zwei Monate hier und einer bleibt mir noch.

Wie bewerten Sie das Praktikum und den Aufenthalt?

Stein Ich kann nicht für alle Praktika reden, weil ich nur das LTIO in Shanghai kenne. Aber hier ist das Programm für Praktikanten sehr interessant. Es läuft kontinuierlich ab, das heißt, hier ist immer ein Praktikant vor Ort. Ich bin über das Programm des Ministeriums hierher gekommen. Doch man kann sich auch direkt hier beim LTIO melden. Sie nehmen auch Praktikanten, die noch nicht mit dem Studium fertig sind. Sogar ein Abiturient war mal hier. Bei Interesse erfolgt dann ein Gespräch mit dem Verantwortlichen direkt per Skype oder telefonisch. Sie bevorzugen Leute mit Bezug zu Luxemburg. Das Praktikum ist eine super Möglichkeit, um mehr über China zu lernen und das Leben hier selbst zu erfahren. Vor Ort ist es ganz anders, als man sich das vorstellt. Shanghai ist sehr dynamisch und nicht repräsentativ für China. Deshalb reise ich auch. Ich war schon auf dem Land und habe bei den Leuten dort gelebt. Auf den Dörfern sind solche Unterkünfte - also Zimmervermietung - sehr verbreitet. Mit einer Gruppe, in der auch viele Chinesen sind, unternehmen wir gemeinsam Aktivitäten und waren zum Beispiel im Bambuswald. Die Wirtschaftsmetropole Shanghai ist wieder ganz anders und eine Erfahrung für sich.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Stein Ich arbeite von 9.00 bis 18.00. Während dieser Zeit kann ich Seminare zu verschiedenen Themen besuchen, die für die Luxemburger Unternehmen von Interesse sind. Die finden mal abends und mal morgens statt und sind sehr bereichernd. Mich fasziniert das, denn ich komme mit der Business Community in Kontakt und erhalte einen besseren Einblick, erfahre etwas über die Differenzen zwischen internationalen und nationalen Firmen. Das passt zu meiner Aufgabe, da ich jeden Tag einen Newsletter mit Nachrichten über China und Luxemburg erstelle. Mein Wissen aus den Seminaren teile ich mit den Kollegen dadurch, dass ich Berichte und Präsentationen mache. Das LTIO und das Konsulat organisieren regelmäßig Events für Luxemburger Unternehmen. Darüber hinaus empfangen wir häufig Wirtschaftsmissionen. Dann helfe ich dann bei der Organisation, den Einladungen, den Updates und so weiter. Es ist sehr vielseitig.

Spüren Sie in Ihrer Arbeit etwas vom Handelskrieg zwischen den USA und China?

Stein Da ich ja für die Presse zuständig bin, merke ich das sehr wohl und das fließt ja auch in meinen Newsletter mit ein. Auch die EU-Handelskammer in Shanghai hat ein Seminar dazu gemacht. Es beschäftigt die Unternehmen hier sehr.

Wie nehmen Sie Unterschiede zu Europa in China wahr?

Stein Anfangs war es sehr anders als in Europa. Bislang konnte ich bei meinen bisherigen Reisen die Landessprache verstehen. Das nicht zu können, war anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Auch der Transport läuft anders: Es hieß, das sei hier zivilisiert. Aber die Wahrheit ist: Es ist nicht einfach, als Fußgänger nicht sofort überfahren zu werden. Was man häufig sieht, ist die Polizei, die vor den Gebäuden Wache steht, auch nachts. Toll finde ich das Essen. Es ist super gut und gar nicht teuer. Anfangs hatte ich noch geplant zu kochen, aber es ist so günstig und vielseitig, dass ich lieber Essen kaufen und neue Gerichte entdecke. Außerdem spart es auch Zeit, in der ich die Stadt entdecken kann. Und wenn man Chinesisch nicht mag, kann man hier alles finden. Ich war übrigens verwundert, wie verbreitet Milch ist und wie viele Bäckereien es hier gibt.

Wollen Sie länger bleiben?

Stein Nein, erstmal will ich nach den drei Monaten nach Hause, um in Luxemburg eine Arbeit zu suchen. Ich finde es sehr interessant, über den Job neue Länder kennen zu lernen und denke, die Erfahrung hier in Shanghai wird mir auch helfen. Hier jetzt jahrelang zu arbeiten sehe ich im Moment weniger.