CORDELIA CHATON

Es rumort seit Tagen in Frankreich; wieder einmal. Erst kippten die wütenden Bauern in der Bretagne Mist auf die von Touristen viel befahrene Straßen, dann sperrten ihre elsässischen Kollegen die Brücke nach Kehl in Deutschland und gestern blockierten Lothringer die Autobahn nach Luxemburg. Der Grund, warum sie trotz der 600-Millionen-Euro-Zusage der Regierung weitermachen, ist ihre Verzweiflung. Bauer ist in Frankreich ein Synonym geworden für einen Job ohne Urlaub, ohne Rente und zu einem Lohn, der in der Regel unter dem Mindestlohn liegt. Das Problem sitzt schon seit langem so tief, dass Bauern zu der Berufsgruppe mit der höchsten Selbstmordrate in Frankreich zählen.

Das ist kaum zu glauben, wenn man darüber nachdenkt, was sie da produzieren: Lebensmittel. Die Dinge, von denen wir uns ernähren. Das ist nicht irgendetwas, das ist überlebenswichtig. Dennoch ist Agrarpolitik ein ungeliebtes Thema in Brüssel, eines, das immer für Ärger sorgt - und nie so richtig gelöst wurde.

Jetzt droht das Thema zum nächsten Test für Europa zu werden. Der französische Landwirtschaftsminister hat schon seine Kollegen zusammengerufen, um im September einen Krisengipfel abzuhalten. Die werden nicht allzu motiviert sein. Denn bislang ist es in Europa immer das gleiche. Jedes Land schützt seine nationalen Interessen: Luxemburg die Fondsindustrie, Deutschland die Autoindustrie und Frankreich den Agrarbereich.

Nur reicht der Schutz der Grande Nation nicht mehr in Zeiten endender Milch-Quoten, afrikanischer Billigkräfte in Spanien und osteuropäischer Malocher in Deutschland. Noch dazu verändern sich die Essgewohnheiten, es wird weniger Fleisch gegessen. Und auf weltpolitischer Ebene sieht es ebenfalls nicht gut aus für die französischen Bauern: China schwächelt und nimmt weniger Waren ab, und für Russland gilt immer noch das Embargo. Im Hexagon selbst machen hohe Mindestlöhne und Niedrigstpreise durch die allmächtigen Hypermarchés den Bauern zu schaffen.

Klar, sie könnten flexibler sein und mehr Hofläden betreiben oder ihre Produkte besser vermarkten. Aber ist es wirklich gerecht, einem Bauern vorzuwerfen, dass er nicht quasi-industriell produziert? Was gelten Faktoren wie ausgewogen produzierte Lebensmittel, Landschaftsschutz oder Respekt vor Tieren? Sind niedersächsische Großzuchtanlagen wirklich die Antwort, die sich Europa auf das Thema Fleischproduktion wünscht? Schon jetzt mutet es absurd an, dass mit enormen Mitteln immer mehr produziert werden soll, um dann einen Teil zu vernichten oder zu Schleuderpreisen auf den Markt zu bringen.

Selbst in Luxemburg, diesem reichen, idyllischen Land, gibt es keine Anreize, auf Bio umzuschalten. Die Situation ist laut Bauernvertretern auch hier alarmierend und die Stimmung bei den Bauern sehr angespannt. Sie wünschen sich zu Recht eine stärkere Berücksichtigung ökologischer und sozialer Aspekte und mehr Nachhaltigkeit. Was in Frankreich derzeit passiert, hat mit politischer Folklore nichts zu tun - aber mit Europa und uns sehr, sehr viel.