VENEDIG
ALIKI NASSOUFIS (DPA)

Erstmals wird in Venedig eine Dokumentation mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet

Zum ersten Mal in der Geschichte des Filmfestivals Venedig geht der Goldene Löwe an eine Dokumentation. Das italienische Werk „Sacro GRA“ über das Leben an einem römischen Autobahnring von Regisseur Gianfranco Rosi gewann am Samstagabend den begehrten Hauptpreis. Für den deutschen Beitrag „Die Frau des Polizisten“ von Philip Gröning gab es den Spezialpreis der Jury. Der gesellschaftskritische Spielfilm „Jiaoyou (Stray Dogs)“ aus Taiwan von Regisseur Tsai Ming-liang wurde mit dem Großen Preis der Jury geehrt. Griechenland konnte sich über zwei weitere Trophäen freuen.

Die Preise wurden von einer neunköpfigen Jury unter Vorsitz des italienischen Regisseurs Bernardo Bertolucci verliehen. Im Wettbewerb des ältesten Filmfestivals der Welt hatten in den vergangenen eineinhalb Wochen 20 Beiträge konkurriert. Das Filmfestival ist das älteste der Welt. Es zählt neben Cannes und Berlin zu den wichtigsten der Branche.

Doku über das Leben an einem römischen Autobahnring

Die Gewinner-Dokumentation beobachtet das Leben von Menschen am viel befahrenen römischen Autobahnring GRA. Dazu gehören Rettungssanitäter, Prostituierte und Bewohner anliegender Häuser.

Regisseur Rosi strukturiert den Film allerdings nicht als klassische Dokumentation, seine Protagonisten sprechen nie direkt in die Kamera. Dadurch wirkt „Sacro GRA“ immer wieder wie ein Spielfilm mit verschiedenen Hauptakteuren. Es ist es der erste Goldene Löwe für Rosi. Zuletzt hatte Filmemacher Gianni Amelio 1998 mit dem Drama „So haben wir gelacht“ die Trophäe nach Italien geholt.

In „Die Frau des Polizisten“ erzählt der in Düsseldorf geborene Gröning in knapp 60 Kapiteln von einer jungen Familie, in der der Mann seine Frau schlägt. Die versucht jedoch, die Fassade einer intakten Beziehung zu wahren - vor allem für die kleine gemeinsame Tochter. „Ich widme den Preis den Opfern“, sagte der 54-jährige Gröning, als er die Auszeichnung für sein rund dreistündiges Werk entgegen nahm.

Die Jury verlieh zwei Preise an das griechische Drama „Miss Violence“: Alexandros Avranas gewann für seine subtile Darstellung von Gewalt und Missbrauch in einer Familie den Silbernen Löwen für die beste Regie. Sein Hauptdarsteller Themis Panou, der das despotische Oberhaupt verkörpert, erhielt die Trophäe als bester Schauspieler.

Als beste Darstellerin wurde die italienische Schauspielerin Elena Cotta (82) ausgezeichnet. In dem Drama „Via Castellana Bandiera“ der Regisseurin Emma Dante spielt sie eine von zwei sturköpfigen Frauen, die sich in einer schmalen Gasse stundenlang in ihren Autos gegenübersitzen. Keine will der anderen ausweichen.