SVEN WOHL

Wir ziehen Fakten den Lügen vor. Vor allem in Zeiten von Trump, Johnson, Bolsonaro und AfD wird dies hochgehalten. Fast, als könnte man damit einen Wall gegen sie errichten. Diesem Glauben liegt ein Vertrauen in die Wissenschaft zugrunde. Für sich genommen ein guter Reflex: Wissenschaft soll die Welt begreifbar machen, für Gewissheit und Stabilität sorgen. Doch unsere Sicht auf Wissenschaft ist mit Irrtümern belastet.

Wissenschaft schafft Fakten, so viel ist richtig. Doch die sind nicht unumstößlich. Etwas gilt so lange als bewiesen, bis das Gegenteil bewiesen wurde. Wissenschaftliche Gesetze sind weder in Stein gemeißelt, noch absolut, sondern bilden unseren aktuellen Kenntnisstand ab. Absolute Präzision und Fehlerfreiheit sind Mangelware - ja, sind sogar Teil vieler Untersuchungen. Doch ein Fehler macht längst noch keine wissenschaftliche Untersuchung unnütz. Auch Vorhersagen sind nicht absolut, sie bieten einen Raum, sich zu entfalten.

Dass so viele Menschen grundlegende Prinzipien der Wissenschaft missverstehen, trägt den Keim von Skepsis mit sich. Und während ein gewisses Maß an Skepsis grundsätzlich angebracht ist, kommt es schnell zu einer ideologischen Selbstverblendung. Weil man etwas, das wissenschaftlich bewiesen ist, nicht wahrhaben möchte stürzt man sich in die rettenden Arme der notorischen Skeptiker, der Priester der Ignoranz. Diese haben unlängst die Ignoranz für sich entdeckt. Gemäß der Maxime, dass man aus jedem Unwissen Profit schlagen kann, schaffen sie es, Artikel, Bücher und Reportagen in Umlauf zu bringen, um auch bei anderen die Skepsis zu schüren. Dass sie Außenseiter sind, ihre Methoden oft den wissenschaftlichen widerstreben, ist für sie eine Auszeichnung. Gekonnt sprechen sie all jene an, die sich abseits des Mainstreams wissen.

Wissenschaftlicher Mainstream entsteht aber nicht von ungefähr. Haben viele noch den Eindruck, als würden Forscher isoliert in Türmen und Kellern ihren Thesen nachgehen, ist die Realität eine andere. Forschungen werden überprüft, gesichert und verbessert. Wissen entsteht dann, wenn Konsens geformt wurde. Diesen Konsens zu ignorieren ist kein Orden, den man sich stolz an die Brust knöpfen kann, sondern ein Eingeständnis der eigenen Verblendung.

Dass Skeptikern und Ignoranten so viel Platz eingeräumt wird - ob in konventionellen oder sozialen Medien - zeugt von einem Mangel von Verständnis für Wissen und Forschung. Sie zeugt auch davon, dass vor allem Inkompetente sich überschätzen und gleichzeitig die Kompetenz von Fachleuten anzweifeln. Es scheint, als litten Teile der Gesellschaft unter diesem Dunning-Kruger-Effekt. Und anstatt diese Menschen anzuprangern als die Ignoranten, die sie sind, errichtet man ihnen Podeste. Es reicht nicht, dabei auf die sozialen Netzwerke zu zeigen. Auch unter der goldenen Regel der journalistischen Ausgewogenheit werden beispielsweise Klimawandelskeptikern eine Bühne geboten, auf der sie ihre Ignoranz weiter predigen können. Wie fatal dies sein wird, werden kommende Generationen an unserer Stelle erfahren.