NIC. DICKEN

Was so ein kleiner Virus doch nicht alles bewirken kann! Innerhalb weniger Wochen haben sich die Größenordnungen verändert, stehen doch plötzlich unscheinbare Masken aus Zellstoff höher im Kurs als bedruckte Wertpapiere, die sich ohne energisches Wirken der Wissenschaft schnell in Staub aufzulösen drohen. Mit der Verschiebung der Größenordnung hat sich auch die Gewichtung der Werte verlagert.

Während sich immer mehr Politiker in den Vordergrund bugsieren mit der Aufforderung, man müsse jetzt schon anfangen, über die Zeit nach der Krise Überlegungen anzustellen, drängen sich doch schon jetzt eine Reihe von Schlussfolgerungen auf, die man tunlichst in Erinnerung behalten sollte für die Zeit, wenn die aktuelle Krise abflauen und wieder „normale“ Zustände eintreten werden.

Fast einen ganzen Monat hat es gedauert, bis nicht nur von einsichtigen Politikern - offenbar immer noch eine geringe Minderheit in dieser Spezies! - , sondern auch vom Großteil der Bevölkerungen in allen Regionen der Welt die von Anfang an eindringlichen Mahnungen von seriösen Wissenschaftlern mit der gebotenen Aufmerksamkeit und vor allem auch den einschneidenden Beschränkungen aufgenommen und befolgt wurden. Die wenigsten Zeitgenossen scheinen gar bis heute verstanden zu haben, dass es nicht nur darum geht, die eigene Person vor dem Virenbefall zu schützen, sondern darüber hinaus, aufgrund von unbeabsichtigten Kontakten selbst zum (möglicherweise ungefährdeten) Träger geworden, durch eine strikte Begrenzung ihrer Kontakten und Zusammentreffen die bisher grassierende Verbreitung einzudämmen, die am Ende nicht nur die bekannten und benannten Risikogruppen gefährden könnte.

Dem klassischen Antagonismus zwischen dem Wirken der Politik und der Zweckmäßigkeit der Wirtschaft gesellt sich seit einigen Wochen eine andere Größe zu, nämlich die des vernünftigen Handelns, die eigentlich von jeher das Maß der Dinge und des Geschehens hätte sein müssen. Die Corona-Krise hat uns sehr schnell gelehrt, wie wenig (partei-)politische Maximen ausrichten und wie schnell wirtschaftliche Macht zerbröckeln können, wenn natürliche Phänomene das Heft des Handelns in die Hand nehmen.

Und vielen - leider nicht allen! - ist in den letzten Tagen auch klar geworden, dass nicht große Strategien, sondern viele „kleine“ Gesten darüber entscheiden, ob man der Epidemie Einhalt gebieten kann oder sie ungebremst Millionen von Menschen weltweit hinwegraffen lässt.

Wie lächerlich muten plötzlich doch Dankesbezeugungen an gegenüber Menschen, für die man angesichts ihrer durch Unterbezahlung charakterisierten „wirtschaftlichen Un-Bedeutung“ bisher kaum mehr als Schulterzucken übrig hatte. Man wird sehen, was das Balkongeklatsche nach dem Abflauen der Epidemie noch wert ist.

Die Pandemie hat eine weltweit erholende Wirkung gezeigt für Natur und Umwelt. Ob sie auch unser Denken im gebotenen Ausmaß beeinflussen wird, muss sich erst noch zeigen.